Monika Buttler: Sie ist eben doch eine Nutte (Literatur lebendig halten 2020)

Literatur lebendig halten!

Eine Aktion der Mitglieder der Hamburger Autorenvereinigung anlässlich der Corona-Pandemie 2020

Autorenprofil Monika Buttler: http://www.hh-av.de/mitglieder/monika-buttler/

Sie ist eben doch eine Nutte

Wer sie zum ersten Mal gesehen hatte, sprach danach von „Barockengel“. Romy war blondlockig, pausbäckig, prall, dazu im sexaktiven Alter von Anfang dreißig. Eigentlich sind Engel ja geschlechtslose Wesen, dachte ihre Freundin Alida. Romys Männerverbrauch passte da nicht ins Bild. Geschmackssache – Alida hatte es nicht gestört. Bis es sie selbst getroffen hatte. Eine  „hundsgemeine Sache“ war passiert, wie Alida sich Freunden gegenüber ausgedrückt hatte. Da war aus Romy, dem „Barockengel“, von einem Tag auf den anderen eine „angefette Wachtel“, ein „geiles Monster“ und eine „unterbelichtete Barbiepuppe“ geworden.

Alida hatte Romy kennengelernt, als sie sich im wahrsten Sinn in deren Hände begeben hatte. In deren Kosmetiksalon Hautfrühling, zu einer Algenbehandlung ‚für strahlende Augen-Blicke’. Sie war schon bei der Vorgängerin gewesen, aber die hatte sich plötzlich verabschiedet, mit Hinweis auf einen „Aufstieg“ bei einem stadtviertel-bekannten Schönheitschirurgen und mit der verschwörerisch vorgetragenen Bemerkung, dass ihren Salon „eine ehemalige Nutte“ übernehmen würde. Alida war sekundenlang sprachlos gewesen, dann hatte sie die Urheberin der üblen Nachrede gedanklich für immer ins Abseits verwiesen und bei der Neuen einen Termin ausgemacht. Mit dem unterschwellig erregenden Gefühl eines bevorstehenden Abenteuers.

Sie erinnerte sich: Alles in dem komplett umgebauten Salon war einladend weiß, halogen-bestrahlt und blitzend sauber. Was hatte sie erwartet? Nutte gleich Schmutz oder so? Und selbst wenn der Zuhälter das alles bezahlt hatte … Romy Ehlers jedenfalls, die neue Besitzerin, wirkte wie ein frisches Mädel vom Lande, das herzförmige Gesicht fast ohne Make-up, die dralle Figur steckte mit einer gewissen Sprengkraft in einem weißen Kittel und offenbarte den Ansatz eines Busenwunders. Sie geleitete ihre Erstkundin mit Lockvogel-Stimme zur Liege, auf der sich Alida einwickeln ließ und erstaunt registrierte, dass es zwischen ihnen keinerlei Fremdeln gab. Flüchtig kam ihr der Gedanke, ob es außer den Händen auch die Brüste der Behandlerin waren, die über sie hinwegstrichen. Aber das konnte ja nicht sein, ihr Kopf lag viel zu entfernt.

„Sie haben eine wunderbare Haut. Die sollten Sie sich erhalten.“ Frau Ehlers drückte zum Abschluss sanft ihre Wangen. „Das Geheimnis dieser Creme ist Wasser …“ Geheimnis? Alida mochte auf diese Allerweltsweisheit nicht weiter eingehen. Aber da hatte sie schon ein paar Pröbchen in der Hand.

„Eine Spezialkosmetik auf Wasserbasis. Die Haut trinkt sie geradezu und polstert sich von innen auf. Das gibt Ihnen ein gutes Gefühl.“

Tatsächlich spürte Alida schon eine Wirkung. Ja, sie war schön. Frau Ehlers hielt ihr den Handspiegel vor, und sie sah in ihre eigenen, noch blauer strahlenden Augen. Damit hatte sie vor zwei Jahren ihren Tobias eingefangen, wenige Monate später hatten sie geheiratet.

„Augensterne“, hatte er wenig einfallsreich bemerkt, um dann, poetischer werdend, hinzuzufügen: „Du leuchtest. Du bist ein einziges Leuchten.“

Er, der Manager eines Unternehmens für kultige Energie-Getränke, und sie, das Model für eine angesagte Seife, waren sich auf einem Medientreff begegnet. Alida, überlang und überschlank, die Schultern immer ein wenig hochgezogen.

„Sie müssen sich mehr entspannen“, hatte Frau Ehlers gesagt und mit kundigen Händen die Starre ihres Rückens gelöst.

Auch Alida war Anfang dreißig. „Schon“, dachte sie immer häufiger. Sie fürchtete bei jedem Werbeauftrag, dass es der letzte sein könne. Zur Beruhigung begann sie zu malen. Großflächig in Acryl, schwingend-exzessiv, die Motive – Wolken, Pflanzen, Gestein – im flirrenden Übergang zwischen konkret und abstrakt.

„Dekorativ. Damit lässt sich etwas machen“, urteilte ihr Mann. Er organisierte eine Ausstellung in einem Ärztehaus, und Alida genoss das erhebende Gefühl, zwei Bilder verkauft zu haben. Sie würde durchstarten – als Künstlerin! Fortan präsentierte sie sich im Internet und firmierte unter Alidas Art.

Inzwischen vertraute sie Romy Ehlers auch ihre Füße an. Die arbeitete mit blendend weißem Mundschutz und Handschuhen – medizinische Accessoires, die Alida Kompetenz signalisierten. Von wegen nuttig. Alida fand sich zu weiteren Sitzungen ein.

„Die Füße sind das Stiefkind.“ Romy Ehlers begann unter Einblicken in ihr tiefreichendes Dekolleté mit der Massage. „Sie tragen uns treu durchs ganze Leben, doch wir missachten sie.“

Wie wahr, dachte Alida, wie erschütternd wahr. Um nicht zu sagen: platt. Aber waren diese Banalabsonderungen nicht Petitessen, wenn sie bedachte, dass sich Romy – sie waren jetzt per Sie und Vornamen – ehrlich für Malerei und insbesondere die ihre interessierte? Und für den Salon vielleicht sogar etwas kaufen würde? Sie musste ihr die Serie „Meditative Modulationen“ zeigen.

Mehr und mehr entwickelte sich die Fußpflege zum beiderseitigen Plauderstündchen. Irgendwann hatte sich das „Du“ eingeschlichen.

Körpernähe, dachte Alida. Da ist das „Du“ ganz natürlich.

„Ja, ich möchte die Bilder gern sehen.“ Romy verpasste Alidas Füßen die letzte Salbung. „Diese Fußcreme ist speziell für trockene Haut. Das gibt dir ein gutes Gefühl.“

„Danke. – Nein, das mach ich selbst.“ Alida protestierte, aber Romy streifte ihr die Söckchen über.

Die nächste Ausstellung arrangierte Tobias im Loft eines befreundeten Geschäftspartners. Alida hatte es geschafft, periphere Kontakte wie eine Dessous-Verkäuferin und einen Hausmeister zu mobilisieren und so die Besucherzahl respektabel zu erhöhen. Tatsächlich war wie versprochen auch Romy erschienen. In einem schwarzen wollenen Wickelkleid, das nur dazu da war, den Rahmen für ihre Brüste zu bilden. Alle starrten auf dieses offenherzige Angebot, auch Tobias, wie Alida alarmiert bemerkte. Des rubinfarbenen Lippenrots, das in Romys Herzgesicht flammte, hätte es gar nicht bedurft. Sie musste aufpassen, ihr Tobias sah zu gut aus: groß, muskulös und noch immer die V-Figur, nur die Haltung immer zu gebeugt. Er verließ sich auf Fitness-Studio, Sonnenbank und Anti-aging-Pillen. Täuschte sie sich, oder flogen da bereits Erotik-Blicke hin und her? Nun, solange es beim Flirten blieb …

Besucherfragen rissen sie aus ihren unerfreulichen Gedanken. Plötzlich stand Romy neben ihr, zog sie mit sich fort zu einem der Bilder.

„Das kaufe ich.“

„Wirklich?“ Alida konnte es nicht glauben. 800 Euro kostete das Werk. War sie Romy so viel wert? Als Freundin oder als Dauerkundin? Ihr Geschäft mit der Schönheit schien wohl gut zu laufen.

Das Acrylgemälde „Klangkörper“, eine Traumphantasie in Weiß und Türkis, hing wenig später im Kosmetiksalon.

„Yin und Yang“, erklärte Romy. „Genau das Richtige für meine Kunden.“

Seit dem Bildkauf war Alida überzeugt, dass sie miteinander befreundet waren. Was ihr Romy überschwänglich bestätigte. Sie telefonierten jeden Tag, sie zogen gemeinsam los, um Foto-, Kunstausstellungen und Modenschauen zu besuchen. Mit Bekannten, auch Tobias war dabei, hingen sie in Weinkneipen ab. Bei den Politdiskussionen flocht Romy ihre Schlichtsätze ein, und wenn es ihr selbst zu peinlich wurde, lenkte sie um und verkündete die neuesten Pflegetipps.

„Ich mache auch Herrenkosmetik.“ Mit schimmerndem Blick neigte sie sich zu Tobias. Der nickte und schaute auf ihre Brüste.

Wieder einmal saßen die Freundinnen zu Hause bei Romy auf dem Fernsehsofa mit den Goldkissen. Alida blätterte die mitgebrachte Fotomappe mit ihren Gemälden auf.

„Toll! Du bist eine ganz, ganz große Begabung.“ Romy rückte näher an sie heran.

„Wirklich?“ Alida lächelte glücklich. Plötzlich spürte sie, wie Fingerspitzen kaum merklich über ihren Unterarm strichen. In einer Weise, die sie hochfahren und das Blut in ihren Kopf schießen ließ.

„Lass das!“

„Entspann dich, das gibt dir ein gutes Gefühl. Du bist so eine wunderbare kreative Frau …“

„Ich glaube, ich gehe jetzt.“

Alida fuhr mit überhöhter Geschwindigkeit nach Hause, kam atemlos an, als habe sie in letzter Minute ein schützendes Nest erreicht. Sie musste über diese Freundschaft nachdenken. Aber dazu war jetzt keine Zeit. Sie packte ihren Koffer, in Berlin erwartete sie der Werbeauftrag für ein Waschmittel.

Verfrüht kehrte Alida von der Reise zurück. Sie hatten konzentriert gearbeitet, eine weitere Übernachtung war nicht nötig gewesen. Seltsam: Die Wohnungstür ließ sich nicht aufschließen, von innen steckte der Schlüssel. Sie klingelte.

Tobias machte auf. Nackt unter dem verrutscht sitzenden Bademantel, die Haare zerwühlt wie nach fiebriger Nacht. War er krank? Nein, seine hochrote Hektik sah nach einem anderen Fieber aus.

„Ich habe Besuch.“

„Wer?“ Alida stieß ihn zur Seite und riss die Tür zum Schlafzimmer auf.

Romy hatte ihren schwarzroten BH noch nicht ganz zugehakt.

„Das gibt ein gutes Gefühl, was? Oh, ja, das gibt es mir!“ Alida warf der Rivalin die restlichen Textilien gegen den Busen, die raffte, was zu raffen war, und floh halbnackt, wie sie war, ins Treppenhaus.

„Lass dich nie wieder bei uns blicken!“ Alida schmiss die Tür zu, so dass das Holz nur so bebte. Während Tobias wortlos noch immer am selben Fleck stand, bearbeitete die Betrogene den Fernseher. Der war danach nicht mehr funktionsfähig. Im Schlafzimmer musste ihr Porträtfoto auf dem Nachttisch dran glauben. Fremdgehen im Angesicht der Ehefrau, konnte es etwas Schamloseres geben?

Einige Tage später traf sich Alida mit einer Freundin, sprach von „in flagranti“, Betrug und Verrat.

„Und dann nimmt er so eine angefettete Wachtel. Diese unterbelichtete Barbiepuppe mit ihrem dummerhaftigen Geschwätz. Eine hundsgemeine Sache ist das.“

„Ach was“, erwiderte die Freundin. „Eine ganz banale Geschichte. Welcher Mann fällt nicht auf diesen Typ Frau herein? Mehr im Körbchen als im Köpfchen –­  das gibt’s leider haufenweise.“

„Sie ist eben doch eine Nutte“, schloss Alida.

Nach fünfzehn Monaten folgte die Scheidung.

Freundschaftsdauer: zwei Jahre

Monika Buttler: „Sie ist eben doch eine Nutte“.
Kurzgeschichte, erschienen im Band „Fatale Freundschaften. Warum Frauen miteinander Schluss machen.“, elbaol verlag hamburg, 8.99 Euro.

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