Barbara Naziri: Dankbar (Literatur lebendig halten 2020)

Literatur lebendig halten!

Eine Aktion der Mitglieder der Hamburger Autorenvereinigung anlässlich der Corona-Pandemie 2020

Autorenprofil Barbara Naziri: http://www.hh-av.de/mitglieder/barbara-naziri/

Dankbar

Heute Morgen, als ich unter der Dusche stand und den warmen Strahl auf meiner Haut spürte, da fühlte ich eine tiefe Dankbarkeit. Ich dachte daran, dass es Menschen auf dieser Welt gibt, die nicht einmal sauberes Wasser zum Trinken haben, geschweige denn ein Bad. Ich dachte daran, dass ich in diesen Tagen, in denen Corona die Macht über unsere Gesundheit übernommen hat, zumindest eine gesicherte Existenz habe und es Menschen gibt, die verzweifeln, weil sie mit ihren Mitteln nicht auskommen oder gar in den Bankrott getrieben werden. Ich dachte daran, dass all die Dinge, die wir in unserer Welt als normal hinnehmen, sehr flüchtig sein können, wenn Katastrophen über uns hereinbrechen.

Sicherlich, wer hätte je angenommen, dass es auch uns hier im reichen Westen eines Tages treffen könnte, dass wir um unser Leben oder gar das unserer Lieben bangen müssen. Noch vor ein paar Wochen schien die Welt in Ordnung. Für unser reiches Deutschland lag alles so weit entfernt: die Kriege, die Hungerkatastrophen, die Dürre und Wasserarmut, Naturkatastrophen… etc. Wir schimpften wie immer über unsere Politiker, jammerten auf höchstem Niveau. Wir bedauerten die Betroffenen von Krieg und anderen Katastrophen einen Augenblick lang, haben nicht selten gespendet, um uns dann unserem normalen Alltag zuzuwenden.

Natürlich gab und gibt es Menschen unter uns, die sich aktiv einsetzen, z. B. für Menschenrechte oder für das Klima, das uns – gelinde gesagt – ziemlich unter dem Hintern brennt. Doch nicht selten wurde Unmut geäußert, wenn schlechte Nachrichten uns überrollten. Da gab es immer wieder einige, die sich dadurch überfordert fühlten und entweder kaum noch hinhörten oder einfach nicht mehr hinsehen wollten, wenn es wieder einmal eine Region auf unserer weiten Erde getroffen hatte. „Es sind einfach zu viele Probleme, um sich jedem einzelnen zu widmen“, hörte ich auch manchen Freund überfordert klagen. Ja, es waren nicht unsere Probleme.

Doch so einfach können wir uns nicht davon schleichen und vielleicht sollte gerade diese Zeit uns daran erinnern, dass wir alle an einem Strang ziehen. Denn dieses Virus hat uns mit voller Wucht getroffen, schränkt unser Leben ein, bedroht unsere Existenzen und trennt uns von Menschen, die uns lieb sind. Wir werden von etwas Unsichtbarem angegriffen, das sich nicht bändigen lassen will, das Politik wie auch Gesellschaft gleichermaßen in Schrecken versetzt und verunsichert, zudem es unser Leben erheblich einschränkt. Unsere Gesellschaft wird in Gruppen unterteilt, in diejenigen, denen das Virus weniger anzuhaben vermag bis hin zu denjenigen, die in Gefahr sind, ihr Leben zu verlieren. Ältere Menschen in Senioreneinrichtungen trifft es am schlimmsten und viele zahlen mit ihrem Leben. Und tatsächlich hörte ich unlängst die Äußerung eines Politikers (der aus meiner Sicht abtreten sollte), dass diese Menschen ja wenig später sowieso gestorben wären. Auch in diesen Zeiten macht die Menschenverachtung nicht Halt und lässt zu, Gruppen in unserer Gesellschaft als “wert“ und “unwert“ zu klassifizieren.

Momentan werden die Bedingungen zwar wieder gelockert, doch niemand kann voraussagen, wie lange wir noch in diesem Zustand leben müssen. Darum heißt es, das Beste daraus zu machen und vor allem das Leben zu erfassen, das uns geschenkt wurde. In diesen Zeiten lässt sich die Schutzmaske nicht mehr wegdenken. Es ist ungewohnt, mit einer Maske einzukaufen, aus vielerlei Gründen. Zum einen bin ich eine Verfechterin gegen jede Art der Vermummung, sei sie nun religiös oder politisch. Zum anderen muss ich selbst mit einer Maske, die mir zudem das Atmen erschwert, in die Gesellschaft gehen. Doch ich habe gelernt, damit umzugehen, auch wenn die Maske mich nur schützt, wenn andere ebenfalls eine tragen. Die Maske hat somit unsere Lebensweise auf den Kopf gestellt und zugleich das Vermummungsverbot gekippt. Ich begegne nun Menschen mit unterschiedlichsten Maskenmodellen. Sie haben diesen Atemschutz zu einem fröhlichen Accessoire im Straßenalltag gemacht. Das zeigt mir, dass selbst unter einem auferlegten Zwang die Hoffnung wie ein kleines Blümchen blüht.

Ich habe gelernt, Lebensmittel und alle Bedürfnisse in einem Einkauf pro Woche zu erledigen. Das habe ich früher nicht geschafft. Immer hier und da noch schnell etwas eingekauft, weil es – ich gebe es zu – auch Spaß gemacht hat. Café- und Restaurantbesuche gehörten zum Alltag. Nun wird mir immer klarer, was mir das Leben alles geschenkt hat und das sind keine materiellen Werte allein. Ich empfinde es jetzt als besonderen Genuss nach draußen zu gehen und nehme die Natur in Parks, Grünanlagen oder auf dem Lande noch mehr wahr als zuvor. Ich erfreue mich an jeder kleinen Blume, am Gesang einer Amsel oder an einem Eichhörnchen, diesem kleinen Tarzan, der geschwind durch das Astwerk huscht. Es zieht mich oft ans Wasser und dort lausche ich dem leichten Wellengang, schaue den Enten zu, für die jeder Tag gleich zu sein scheint. Ich danke der Sonne, wenn sie mir die Nase kitzelt und atme den Geruch des Waldes, der so wundervoll nach Nadeln, Moos und Pilzen duftet. Und heute hat mich meine liebe Schulfreundin Gabi besucht. Es war eine große Freude, so ein wunderbares Geschenk, die Zeit, die wir miteinander teilen konnten, obwohl ich sie schon an der Tür mit Desinfektionsmittel empfing. Vor ein paar Wochen hätte ich laut gelacht, wenn mir das jemand erzählt hätte… Dafür hat uns der Kuchen umso besser geschmeckt.

Momentan läuft das Leben ganz anders und scheint sich nicht wie früher zu beschleunigen. Ich nenne diesen Zustand “die langsame Zeit“. Natürlich vermisse ich meine Freunde, die Kunst, die Lesungen und Veranstaltungen, die Reisen. Doch wichtig ist, alle meine Lieben sind gesund. Ich bin dankbar, da zu sein, jeden Augenblick viel bewusster zu spüren und meine Sinne allem zu öffnen, was mir das Leben schenkt. Ja, ich liebe das Leben!

© Barbara Naziri, Mai 2020

Veröffentlicht unter Literatur lebendig halten 2020 | Schreib einen Kommentar