Unser Ehrenmitglied Ralph Giordano schreibt zum Tod von Siegfried Lenz

Eine Abbitte
Am Anfang, 1955, war „So zärtlich war Suleyken“, reines literarisches Entzücken. Diese Sprachkraft, dieses Lokalkolorit: „Dreibastigkeiten“, „jachrig“, „ihr Lachuders“, herrlich in seiner knorrigen Gewachsenheit. Unverwechselbare Typen tauchen da auf, verschroben und vermischt, das Völkergebräu einer verwunschenen Ecke Europas, angesiedelt in der Gegend um Lyck, (wo der Autor 1926 geboren wurde) – Masuren (das heute Masury heißt).

Lachfreudige Leute sind das, verlässliche Nachbarn, immer bereit zu feiern – ein gänzlich unpolitisches Milieu! Die urigen, und doch so empfindsamen Menschen jedenfalls, die da liebevoll skizziert werden, hätten keiner Fliege etwas zuleide tun können.

Da stockte etwas in mir, leuchtete rot auf, kamen mit dem Stichwort „Ostpreußen“ doch ganz andere Bilder in meiner Erinnerung auf. Blutige Konfrontationen zwischen Linken und Rechten während der Weimarer Republik. Greuel an politischen Gegnern, die triumphalen Wahlerfolge Hitlers (die sogenannte „Masurische Offenbarung“ vom 19. April 1932), dazu der „Führer“ immer wieder inmitten frenetisch jubelnder Massen, und die Königsberger Synagoge in Flammen… Wo war diese Seite in „So zärtlich war Suleyken“?

Wie anders dagegen in „Levins Mühle“ der viel zu früh verstorbene Johannes Bobrowski mit seiner Geschichte aus dem Kaiserreich! Da kommt ein dunkler Tenor hoch, wird ein Grollen hörbar, individualisieren sich unheimliche Charaktere.

Wenn menschliche Anteilnahme sichtbar wird, dann eher wie etwas Widerwilliges, das sich mühsam ins Bewusstsein hinaufarbeiten muss. Wie glaubhaft abgründig dagegen die Akteure, die an Levins Mühle wollen, an seine Familie, seine Existenz und Haut. Hat der unverschämte Jude doch, statt „mit seinen sieben Koddern nach Russland abzuhauen“ den Johann in Bliesen angezeigt – wegen Beschädigung mosaischen Eigentums. Deshalb: „Jetzt müssen die Deutschen zusammenhalten.“ Alarm!

Da wird schon gedacht, was zu praktizieren die wilhelminische Gesellschaft noch nicht reif war. Da mausert sich erst noch, was nur einen historischen Lidschlag später den Sprung vom Nationalismus zur Bestialität wagt – mit dem »Gelben Stern“, Emblem des Holocaust, und jenem „P“, das nur eine Generation danach Millionen zwangsverschleppter „Polacken“ ans Revers geheftet werden sollte. „Levins Mühle“, das war wie ein Trompetenstoß.

Und „So zärtlich war Suleyken“? Ein stilistisches Kleinod, das mich schriftstellerisch begeisterte und politisch enttäuschte. Was ich streng für mich behielt.

Auch nachdem ich Siegfried Lenz (und Frau Lilo) 1958 über ein Interview für die „Allgemeine Jüdische Wochenzeitung“ in Hamburg-Othmarschen persönlich kennengelernt hatte. Eine Beziehung, die erst in den letzten Jahren durch beidseitige Probleme des Alterns loser wurde. Jede Zusammenkunft mit ihm in den Äonen seither war für mich, den drei Jahre Älteren, eine Bereicherung. Und Anstoß, ein eigenes Werk über das Thema zu schreiben. „Eine Liebeserklärung mit Trauerrand“, so der Extrakt seiner Rezension meines 1994 erschienenen Buches „Ostpreußen ade – Reise durch ein melancholisches Land“. Zur Präsentation im Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch war er mit der Bahn aus Hamburg angereist

Von meiner „Wunde“ habe ich ihm nie erzählt – auch nicht, nachdem er sie dann selbst geschlossen hatte. Erst durch die „Deutschstunde“ (1968), dann aber mehr noch durch ein Buchdenkmal, das er 1978 Masuren, ihren Menschen und ihrer Landschaft ungeschönt gesetzt hat: „HEIMATMUSEUM! (mit einem der gigantischsten Monologe in der Geschichte der deutschen Literatur, der unstoppbaren Rhetorik des Teppichwirkers Zygmont Rogalla).

Was da in Tausenden von Einzelbildern zerlegt, aufgefächert und wieder vereint wird, was sich da durch ein phänomenales Gedächtnis und eine Fabulierkunst sondergleichen eingefügt findet in die großen und kleinen Zusammenhänge der masurischen wie der Weltgeschichte, das war eine Kriegserklärung an alles, was nach Revanchismus und Revisionismus roch. Ich habe mich geschämt, eingestandenermaßen. Geschämt über meinen voreiligen, kleingläubigen Irrtum, „So zärtlich war Suleyken“ für ein Produkt beschönigender und entpolitisierter Verdrängung gehalten zu haben. Hätte ich es doch nur früher bekannt.
Eine Abbitte.

 

Würdigung durch Gino Leineweber am 7. Oktober 2014 aus Anlass der Verleihung des Hannelore Greve Preises an Herta Müller
Gino Leineweber, Vorsitzender der Hamburger Autorenvereinigung: „Die Nachricht trifft uns wie ein Keulenschlag und mich ganz besonders, weil Siegfried Lenz mich im September 2003 mit einer Festrede in das Amt des Vorsitzenden der Hamburger Autorenvereinigung einführte.“
Sein Tod überschattete die Preisverleihung des Hannelore Greve Literaturpreises an Herta Müller. Gino Leineweber gedachte in seiner Rede unseres verstorbenen Ehrenmitglieds Siegfried Lenz:
„Am Anfang unserer Feierstunde habe ich die traurige Pflicht, Sie über den Tod unseres ersten Preisträgers Siegfried Lenz zu informieren.
Ausgerechnet heute, an dem Tag an dem wir die sechste Ehrung vornehmen und das 10jährige Jubiläum des Hannelore Greve Literaturpreises feiern, trifft uns diese Nachricht schwer.
Unser Freund und Ehrenmitglied Siegfried Lenz war eines unserer literarischen Aushängeschilder in der Hamburger Autorenvereinigung. Zusammen mit Walter Kempowski, Günter Kunert und Arno Surminski stand er für eine Schriftstellergeneration, die ihre Lebenserfahrungen aus freiheitsberaubenden Diktaturen und den Mechanismen von Unterdrückung in ihr Werk und in ihr Leben eingebracht haben.
Wir haben seine schriftstellerischen Leistungen mit der ersten Vergabe des Literaturpreises, zu dessen Verleihung wir heute zusammengekommen sind, an dieser Stelle und in diesem Raum, im Jahre 2004 gewürdigt. Der herausragende Schriftsteller Siegfried Lenz setzte ein Signal für diesen Preis.“

Veröffentlicht unter Meldungen | Schreib einen Kommentar