Foto: Sibylle Hallberg

Sibylle Hallberg

Aktives Mitglied

 

Biografie

Geboren am 15.12.1953 in Nürnberg
Grundschule in Erlangen und München
Gymnasium und Abitur 1972 in Hamburg
Fremdsprachensekretärin von 1974 bis 1980 in Hamburg
Übersetzerdiplom für Französisch 1997
Freiberufliche Sprachlehrerin für Deutsch, Englisch und Französisch seit 1998

Seit 1979 wohnhaft in Pinneberg, Schleswig-Holstein
Verheiratet, zwei erwachsene Kinder
Schreibt seit 2007 Kurzgeschichten, Gedichte, Essays

Seit 2010 ehrenamtliche Kulturarbeit in der Landdrostei Pinneberg (Kreiskulturzentrum Pinneberg)
Organisiert und moderiert insbesondere literarische Veranstaltungen
Seit November 2010 erste Vorsitzende des Fördervereins Landdrostei Pinneberg e.V.

Veröffentlichungen

Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien und Zeitschriften

„Liebe, Leben und Tod“: Zehn lyrische Miniaturen, 2014

„Farben in Worten“: Zehn lyrische Miniaturen, 2018

„Bloß im Himmel“: Erzählband, 2018, ihleo-Verlag

„Lebensjahresringe“, zehn lyrische Miniaturen, 2019

„Die reinste Wahrheit“: Erzählband, ihleo verlag 2020

 

 

 

Mitgliedschaften

Literatur lebendig halten!

Eine Aktion der Mitglieder der Hamburger Autorenvereinigung anlässlich der Corona-Pandemie 2020

Ich habe Angst

Ich habe keine Angst vor der Stille. Ich bin offiziell im Ruhestand und meine Lieblingsbeschäftigungen sind: Denken, Nachdenken, Lesen, Vorlesen, Dichten, Erdichten.

Über zwanzig Jahre lang habe ich vormittags ausländischen Angestellten großer Firmen Grundkenntnisse der deutschen Sprache vermittelt, nicht immer mit Erfolg, nachmittags habe ich Schüler aller Schulformen im Einzelunterricht auf ihre jeweiligen Abschlüsse vorzubereiten versucht. Für viele Eltern war ich schlicht die Nachhilfe, mein Name tat nichts zur Sache. Andere umarmen mich noch immer, wenn wir uns auf der Straße begegnen. Das ist jetzt untersagt. Ja, ich habe Angst.

Wer Sprachunterricht erteilt und wer andererseits eine Sprache erlernen möchte, muss sprechen. Das kann mit einem gebildeten Erwachsenen unerwartet schwierig werden, denn der höfliche Umgang gebietet immer einen Austausch auf Augenhöhe bei höchstmöglicher Diskretion. Dennoch soll der Lernende ermuntert werden, sich in einer ihm möglichen Form zum gewählten Thema zu äußern. Wenn er in leitender Position steht und beispielsweise auf einem Bild eine Tomate nicht von einem Apfel unterscheiden kann oder eine Tulpe nicht von einer Rose, dann muss dieses Nichtwissen sofort und möglichst elegant überspielt werden. Eine andere Abbildung zeigt vielleicht Geldscheine und Münzen, die ihn in die Lage versetzen, einen Volltreffer nach dem anderen zu landen. Mit Glück kehrt sein ausgeprägtes Selbstwertgefühl unversehrt zurück. Das ist unbedingte Voraussetzung für die nächste Unterrichtsstunde.

Die Nachmittage mit Schülern aller Altersgruppen stellten mich vor ganz andere Herausforderungen, die meinen Kopf nicht selten schwirren ließen. Das kann ich mit wenigen Worten aus meinen Aufzeichnungen erklären: Der Erste soll das Gedicht „Über allen Gipfeln ist Ruh“ von  Goethe analysieren, der Zweite Shakespeares Wandertheater auf Englisch beschreiben, der Dritte soll sich auf Französisch bei Airbus für ein Praktikum bewerben. Der Vierte quält sich mit deutscher Orthografie, weiß nicht, wann „das“ mit einem und wann mit Doppel-S schreiben.

Wenn ich abends nach Hause kam, begrüßte mich regelmäßig eine vertraute männliche Stimme vom Sofa und fragte nach dem Abendessen. Da spürte auch ich plötzlich den Hunger, hatte aber keine Vorstellung vom Inhalt des Kühlschrankes, geschweige denn, was ich daraus zaubern könnte. Heute, in diesen besorgniserregenden Zeiten der Abschottung, kommt dem Essen eine ganz neue Bedeutung zu: Nur nebenbei ist es noch das, was es immer war: notwendige Nahrungsaufnahme. Schon beim konzentrierten Suchen im Supermarkt, bei dem mich niemand mehr unerwartet anspricht, weil der gebotene Abstand kein vertrauliches Gespräch zulässt, bereite ich in Gedanken die unterschiedlichsten Gerichte zu, bis mir das Wasser im Mund zusammenläuft. Ich kann es kaum erwarten, in meiner Küche mit dem Sortieren und Hantieren der eroberten Lebensmittel zu beginnen. Trotzdem verzichte ich, wie jedes Jahr in der Fastenzeit, auf jeglichen Alkohol. Mein Mann schüttelt zwar den Kopf über meine überflüssige, verbissene Disziplin, hat mir aber tatsächlich zwei Sorten alkoholfreien Wein gekauft. Die eine schmeckt wie ein undefinierbarer Saft, so dass ich jetzt zu Rotbäckchen tendiere, die andere so herb und bitter wie Wermut. Mein Geschmackssinn empfiehlt mir dringend, das Ersatzgetränk dem Mund vorsichtig und nur schlückchenweise zuzuführen. Für unsere Rubinhochzeit in zwei Tagen wartet auf mich im Weinkeller eine Flasche Sekt ohne Alkohol. Unser Fest werden wir im heimischen Wohnzimmer begehen, mit einem romantischen Dinner zu zweit und im Hausanzug. Kalorien werde ich auf keinen Fall zählen, denn Hausanzüge haben den großen Vorteil, sich ganz locker der Figur anzupassen.

Normalerweise übe ich ein umfangreiches Ehrenamt im Kulturbereich aus, was mich erfüllt und meinen Lieblingsbeschäftigungen entgegenkommt. Am 11. März 2020 habe ich dieses Leben entschleunigt. Anlässlich des Internationalen Frauentages am 8. März hatten sieben Frauen, eine darunter war ich, ein zweistündiges buntes Unterhaltungsprogramm aus Lyrik, Satire, Sketchen und viel Musik erarbeitet, das wir in Kurzform an besagtem Mittwoch auf der Feier eines Frauentreffs präsentieren wollten. Die bedrohlichen Nachrichten über das neuartige Virus überschlugen sich aber und sechs Frauen, darunter ich, sagten aus Vorsicht und Sorge ab. Das Fest wurde trotzdem gefeiert und das Unterhaltungsprogramm von der Siebten im Bunde gerettet. Zwei Tage später las ich in der Zeitung einen Bericht darüber, in dem es hieß, nur eine der Frauen habe keine Angst gehabt und wäre nicht von Corona schockiert gewesen. In einer großen Anzeige unter dieser Besprechung las ich die Absagen der vielen geplanten Veranstaltungen. Nur einen Tag darauf wurden alle öffentlichen Veranstaltungen in Schleswig-Holstein untersagt. Ja, ich habe Angst.

Vor ein paar Tagen hatte eine Freundin von mir Geburtstag. Ich empfinde Anrufe gerade in diesen Tagen der physischen Distanz als wohltuendes Zeichen des Zusammenrückens. Als sie sich am Telefon meldete, hörte ich im Hintergrund fröhliches, angeheitertes Kichern und Lachen. Nach meinem Gratulationssprüchlein fragte ich sie erstaunt, ob sie Besuch habe und erfuhr, dass die Nachbarn alle da seien. Obwohl das Geburtstagskind im Garten, auf Abstand und mit gutem Willen, den aus Österreich mitgebrachten Marillenschnaps ausgegeben hatte, war es den Gästen zu kalt geworden, und sie waren bedenkenlos in die Wohnstube umgezogen. Ja, ich habe Angst.

Ich habe meinem Leben immer gern eine Struktur gegeben und die nahe Zukunft in meine Planungen einbezogen. Im Herbst 2019 habe ich mit meinem Mann eine Urlaubsreise an den Comer See für den Frühsommer diesen Jahres gebucht. Natürlich ist sie inzwischen ersatzlos gestrichen. Unter den gefahrvollen, gegenwärtigen Umständen bemühe ich mich, im Hier und Jetzt zu leben. Heute bin ich gesund. Heute kann ich den Frühling genießen. Heute kann ich mit meinem Mann und meinen Kindern sprechen.

Aber es gibt keine verlässlichen Prognosen für die Zukunft. Sicher ist, dass wir Menschen jahrzehntelang wissentlich mit unserer Erde grob fahrlässig umgegangen sind. Sicher ist, dass die Menschheit weltweit dafür sensibilisiert werden muss, den Planeten nicht weiter gewissenlos auszubeuten und zu belasten.

Vielleicht hat die Natur die Reißleine gezogen und weist uns Menschen gnadenlos in unsere Schranken. Wir sind darüber verwundert und sind spürbar verwundet. Ja, ich habe Angst.

@ Sibylle Hallberg
30. März 2020

 

 

//