Greve Literaturpreis

Literatur hat einen hohen Stellenwert im Kulturstandort Hamburg.

Die Hamburger Autorenvereinigung vergibt, erstmalig 2004, alle zwei Jahre den mit 25.000 € dotierten Hannelore-Greve-Literaturpreis.

Die Stadt Hamburg hat Frau Prof. Dr. Hannelore Greve und der von ihr geleiteten HANNELORE UND HELMUT GREVE STIFTUNG FÜR KULTUR UND WISSENSCHAFT viel zu verdanken und auch die HAMBURGER AUTORENVEREINIGUNG ist ihr sehr verbunden, dass sie den Kunstzweig unterstützt, der Deutschland einst, neben der Musik, zur Weltgeltung verholfen hat. Mit dem Preis sollen herausragende Leistungen auf dem Gebiet der deutschsprachigen Literatur gewürdigt werden.

2016

Hanns-Josef Ortheil

Der Hannelore- Greve-Literaturpreis der Hamburger Autorenvereinigung geht in diesem Jahr an den Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil.

Begründung der Jury*):
„Hanns-Josef Ortheil gehört zu den vielseitigsten, bildungsfreudigsten deutschen Schriftstellern überhaupt. Seit den späten Siebzigerjahren legt er nahezu Jahr für Jahr eine seiner präzise und lustvoll choreografierten Festarrangements in Romanform vor. Trotz des opulenten Anstrichs handelt es sich bei ihm jedoch nie um simple Idyllen, sondern immer um Darstellungen am Rande des Abgrunds. Auch in denjenigen Werken, in denen er das Material aus seiner traumatischen Kindheits- und Familienbiographie bezieht, sehen wir eine künstlerische Gestaltungskraft am Werk, die das plane Nacherzählen von Geschehnissen in einem ästhetischen Sinne überhöht, von dem oft eine aufmunternde, oft sogar trostreiche Wirkung ausgeht. Insofern kann man ihn als Jasager bezeichnen, einen Jasager allerdings, dessen Zustimmungspotential aus dem Dennoch erwächst. Auf dem literarischen Feld hierzulande, in dem die Dekonstrukteure und Desillusionisten dominieren, verkörpert er fast als einziger unter den bedeutenden Autoren denjenigen Schriftsteller, der ins Gelingen verliebt ist.“

*)Jury des Hannelore Greve Literaturpreises : Eva- Maria Greve (Vorsitzende); Nicole Christiansen, Dr. Tilman Krause, Gino Leineweber, Prof. Dr. Wolfgang Müller-Michaelis, Annemarie Stoltenberg, Sabine Witt; Peter Schmidt (kooptiert)

Foto: Hans Weingartz

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2014

Herta Müller

Der Hannelore-Greve-Literaturpreis der Hamburger Autorenvereinigung geht 2014 an Herta Müller. «Die Auszeichnung trifft auf eine Schriftstellerin, die zeitlebens eine mutige Stimme gegen die kommunistische Diktatur in ihrem Geburtsland Rumänien war», sagte der Vorsitzende Gino Leineweber in Hamburg. «Herta Müller ging unbeirrt ihren Weg und zeigt uns bis in die Gegenwart, dass es immer Literaten gibt, die ihre Stimme für Freiheit und Grundrechte erheben.» Die Literaturnobelpreisträgerin sei in diesem symbolträchtigen Jahr 2014 auch heute ein Vorbild, «wenn sich vor unserer Haustür Zustände auftürmen, welche die sicher geglaubten Errungenschaften unserer Zivilisation bedrohen.»

Am 7. Oktober 2014 nahm Herta Müller den Hannelore Greve Literaturpreis im Rathaus entgegen. Die Stifterin Prof. Dr. h.c. Hannelore Greve und der Vorsitzende der Hamburger Autorenvereinigung Gino Leineweber überreichten den Preis an die Literaturnobelpreisträgerin. Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz sprach im Rahmen des Festaktes im Großen Festsaal des Hamburger Rathauses ein Grußwort. U. a. sagte er: «Herta Müllers Werk lädt dazu ein, innezuhalten, Gedanken kreisen und Bilder entstehen zu lassen. Diese Kraft der Literatur ist durch keine andere Kunstform ersetzbar, weil es die individuellen ‚Räume der Sprache‘ sind, die die Lesenden erforschen und deren Grenzen sie mithilfe der Literatur zu erweitern vermögen. Genau das hat Herta Müller mit ihrem Werk transportiert: die Freiheit, Grenzen zu überschreiten.»

Die rumäniendeutsche Schriftstellerin Herta Müller lebt in Berlin. Ihr neuestes Werk trägt den poetischen Titel «Mein Vaterland war ein Apfelkern». Es geht um die düstere Kindheit in einer deutschsprachigen Enklave in Rumänien, die Verfolgung durch den rumänischen Geheimdienst Securitate und den keineswegs nur befreienden Wechsel 1987 in den Westen – Themen, mit denen sich die Schriftstellerin schon in ihrem ganzen literarischen und essayistischen Werk auseinandersetzt. Sie erhielt bereits zahlreiche Literaturpreise, darunter 2009 den Nobelpreis für Literatur.

v. l.: Preisträgerin Herta Müller, Gino Leineweber, Vorsitzender der Hamburger Autorenvereinigung, Prof. Dr. h.c. Hannelore Greve, Erster Bürgermeister Olaf Scholz  (Bild: Kulturbehörde)

v. l.: Preisträgerin Herta Müller, Gino Leineweber, Vorsitzender der Hamburger Autorenvereinigung, Prof. Dr. h.c. Hannelore Greve, Erster Bürgermeister Olaf Scholz
(Bild: Kulturbehörde)

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2012

Gerhard Henschel

Gerhard Henschel (Jahrgang 1962) lebt als freier Schriftsteller bei Hamburg. Zuletzt erschienen bei HOFFMANN UND CAMPE seine Bücher Neidgeschrei. Antisemitismus und Sexualität (2008), Die Springer-Bibel. Ein Panorama der Mediengeschichte (2008) und Da mal nachhaken. Näheres über Walter Kempowski (2009). Sein Briefroman Die Liebenden (2002) begeisterte die Kritik ebenso wie die Abenteuer seines Erzählers Martin Schlosser: Kindheitsroman (2004), Jugendroman (2009) undLiebesroman (2010).
Mit Gerhard Henschel würdigt die Jury einen Schriftsteller, der sich seit seinem 2004 erschienen Kindheitsroman auf den Weg gemacht, Licht ins Dunkel der Fragen zu bringen: Was hat mich geformt? Warum bin ich so, wie ich bin? Aus welchen ungezählten Mosaiksteinchen setzt sich das Bild der frühen Jahre zusammen? Wie kann man ohne verhärmten oder nostalgisch verklärten Blick darauf zurückschauen?
Kindheitsroman bildet den Auftakt eines Zyklus, dessen Abschluss nicht abzusehen ist. In dessen Mittelpunkt steht der seinem Autor sehr ähnliche Protagonist, aus dessen Perspektive das bundesrepublikanische Leben seit Mitte der 60-iger Jahre nachgezeichnet wird. Unverkennbar an den Arbeiten Walter Kempowskis geschult, zeichnet Henschel minutiös (und oft sehr komisch) nach, wie sich jemand entwickelt, der damals in der deutschen Provinz aufwuchs. Keine Fernsehserie, kein Fußballspiel, kein Familienzwist, keine Schuldebatte ist unwichtig. Gerhard Henschels hält in den bisher erschienen drei Bänden dieses phänomenalen Großprojektes – KindheitsromanJugendroman und Liebesroman fest, wie sich das Leben entwickelte und was es ausmacht.
Der mit 25.000 Euro dotierte Hannelore-Greve-Preis würdigt ein Werk, das mikroskopisch in die Vergangenheit eintaucht und von da aus das große Ganze in den Blick nimmt.
Der Preis wird am 4. September 2012 im Literaturhaus Hamburg verliehen.

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2010

Lea Singer

Lea Singer, alias Eva Gesine Baur, wurde in Kunstgeschichte, Musik und Literaturwissenschaft promoviert. Sie arbeitet als Schriftstellerin und Publizistin. Sie lebt in München.
Mit Lea Singer würdigt die Jury eine Autorin, die sich in ihrer Prosa durch ein ganz ungewöhnliches psychologisches Feingefühl und durch eine reiche Palette sprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten auszeichnet. Ihr wurde der diesjährige Preis für ihr vielgestaltiges belletristisches Gesamtwerk zuerkannt. Lea Singer, die hat unter ihrem bürgerlichen Namen Eva Gesine Baur auch eine Reihe bemerkenswerter Sachbücher und Biographien verfasst. Jedem ihrer leuchtenden, ausdrucksintensiven Romane ist anzumerken, wie sehr die Autorin in der Welt der schönen Künste zu Hause ist. Ob wir an den Theaterroman “Vier Farben der Treue” (2006) denken, ob an die Geschichte eines weiblichen Faust unserer Tage (“Mandelkern”, 2007), ob an die historisch verbürgte Familiensaga aus dem jüdischen Großbürgertum des Wiener Fin de Siècle, “Konzert für die linke Hand” (2008), mit Paul Wittgenstein (der Bruder des Philosophen Ludwig) als zentralem Protagonisten  Lea Singer versteht es, mit sicherer Hand, geschickt kalkulierter Dramaturgie und in gepflegt nuancenreichem Stil menschliche Figuren vor uns hinzustellen, die wir in ihrer anrührenden und oft auch krisenhaften Differenziertheit nie mehr vergessen werden.

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2008

Arno Surminski

Der 1934 in Jaglack/Ostpreußen geborene, heute als Schriftsteller in Hamburg lebende, Arno Surminski gehört zu den profiliertesten Autoren, die sich mit Krieg und Nachkriegszeit, mit dem Schicksal der Vertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und ihren Bemühungen, im Nachkriegsdeutschland Fuß zu fassen, auseinandergesetzt hat. Er wurde einem größeren Publikum bekannt durch den 1974 erschienenen Roman “Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland”, der als Dreiteiler für das ZDF verfilmt wurde.
Darin und in vielen anderen seiner Erzählungen und Romane beschreibt er, mit sprachlicher Eleganz und wahrheitsgetreuer Darstellung, das Leben in jenen Zeiten. Sein schriftstellerischer Anspruch auf Erinnern, Erzählen und Bewahren führt zur Darstellung eines liebenswerten Abbilds seiner ostpreußischen Heimat und ihren Menschen.
Sein vorletzter Roman “Vaterland ohne Väter” ist eines der eindringlichsten und bewegensten Bücher gegen den Krieg, die je geschrieben wurden. In seinem, im Jahre 2006 erschienen Antikriegs-Epos, spinnt er den Faden vom Russlandfeldzug Hitlers in den 1940er Jahren beeindruckend zurück bis zu den Napoleonischen Kriegen und dem Marsch auf Moskau im Jahre 1812. “Alle Kriege sind miteinander verwandt. Einer zieht den anderen nach sich wie eine Krankheit”, heißt es an einer Stelle des Romans.
Mit Arno Surminski ehrt die Jury das Werk eines Schriftstellers, der den vielen Kriegsopfern, insbesondere denen des 2. Weltkrieges, eine Stimme verliehen hat.

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2006

Hans Pleschinski

Der 1956 in Niedersachsen geborene, heute als Schriftsteller, Herausgeber, Essayist und Rundfunkredakteur in München lebende Hans Pleschinski gehört zu den profiliertesten Autoren seiner Generation. Er wurde einem größeren Publikum bekannt durch den 2002 erschienen Roman “Bildnis eines Unsichtbaren”, den die Kritik würdigte als “eine der schönsten, weil reifsten Liebesgeschichten, die die deutsche Literatur dieser Jahre zu bieten hat”. Hier, aber auch in seinen übrigen Romane und Erzählungen, von denen vor allem der zuletzt erschiene Titel “Leichtes Licht” von 2005 noch hervorgehoben sei, ist ein literarisches Talent am Werk, das in erster Linie durch seine seltene Virtuosität im Umgang mit der deutschen Sprache besticht. Pleschinski ist ein Stilist von hohen Graden, ein Artist im Wechsel der Töne und Farben, ein Sprachtänzer von exquisiter Eleganz. Ein Hauch von 18. Jahrhundert liegt über seinem Schreiben, wie es kein Zufall sein kann bei einem Publizisten, der auch die Briefe der Marquise de Pompadour und den Briefwechsel zwischen Voltaire und Friedrich dem Großen neu übersetzt und herausgegeben hat. Der Wille zu Heiterkeit und Grazie kommt Pleschinski nicht abhanden, auch wenn er, wie im Fall seines Romans “Leichtes Licht”, vom Kampf eines genussgewillten Menschen mit der Depression schreibt. Darüber hinaus ist er in einem geradezu klassischen Sinne gebildet. Seine Geschichten schwingen sich mit einer kulturellen Verknüpfungskompetenz durch die Jahrhunderte, die Lust auf Entdeckungen macht. In Hans Pleschinski ehrt die Jury das Werk eins Schriftstellers, der bei aller Nachdenklichkeit, bei allem Sinn für die Nöte dieser Zeit den Glücksanspruch seiner Heldinnen und Helden niemals verrät und dem Leser damit die ermutigendsten und erfreulichsten Geschichten präsentiert, die die deutsche Literatur gegenwärtig zu bieten hat.

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2004

Siegfried Lenz

Siegfried Lenz, 1926 im masurischen Ostpreußen geboren, zählt zu den herausragenden, auch im Ausland renommierten Schriftstellern der deutschen Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur. Sein Werk – das 1951 mit dem Roman “Es waren Habichte in der Luft” einsetzte – umfaßt erzählerische, dramatische und essayistische Arbeiten, darunter die internationalen Erfolge “Deutschstunde” (1968) und “Heimatmuseum” (1978), die humoristischen Sammlungen “So zärtlich war Suleyken” und “Der Geist der Mirabelle”, das Drama “Zeit der Schuldlosen” und die Essays “Über den Schmerz”. Lenz lebt seit 1951 in Hamburg, wo auch seine Bücher, im Hoffmann und Campe Verlag, erscheinen.
Lenz’ Arbeiten fanden und finden große Anerkennung bei der Literaturkritik, und es gelang ihnen von Anfang an, breite Leserschichten zu erreichen. Sein realistisch-psychologisch ausgerichtetes Erzählen will Leserinnen und Lesern “Angebote” machen, sich mit Gegenwart und Vergangenheit auseinanderzusetzen. Siegfried Lenz’ Figuren agieren oftmals in schicksalsträchtigen Momenten und Grenzsituationen und müssen erproben, ob ihre moralische Haltung den Konfrontationen mit der Gesellschaft, etwa in totalitären Regimes, gewachsen ist. “Ich brauche Geschichten, um die Welt zu verstehen” – diese Maxime des Autors Lenz ist Einladung an die Leser, sich auf seine Erfindungen einzulassen und sich ein eigenes Urteil zu bilden.
Der Hannelore-Greve-Preis 2004 zeichnet einen genuinen Erzähler aus, der über die Jahrzehnte hinweg die Fahne der Literatur hochhielt und an deren unterschwelliger Wirkungskraft nie zweifelte. Ästhetisches Bewußtsein und gesellschaftliches Engagement verbinden sich in Siegfried Lenz’ Œuvre auf vorbildliche Weise.

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