Klaus Landahl: Flug nach Hawaii – Wo genau beginnt die grenzenlose Freiheit? (Literatur lebendig halten 2020)

Literatur lebendig halten!

Eine Aktion der Mitglieder der Hamburger Autorenvereinigung anlässlich der Corona-Pandemie 2020

Autorenprofil Klaus Landahl: http://www.hh-av.de/mitglieder/landahl-klaus/

Flug nach Hawaii – Wo genau beginnt die grenzenlose Freiheit? (Literatur lebendig halten 2020)

„Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Kennen Sie das Lied?“

Seine Co-Pilotin schüttelte den Kopf. „Nein, Sir“, sagte sie.

„Reinhard Mey. 1974. Lebten Sie da schon?“

„Nein, Sir. Noch 60 Minuten bis Big Island.“

Gleichmäßig rauschten die Turbinen. Unter ihnen lag eine lockere Wolkenschicht und weiter unten glitzerte der Pazifische Ozean.

„Dieses Lied“, wandte der Captain sich an den Jungen, der wie aus dem Nichts ganz nah bei ihm stand und der er selbst immer noch war, und er sah sich die Armaturen im Cockpit bestaunen, während er ruhig weitersprach. „Dieses Lied hat den 4. Platz gemacht. Bei den hundert besten des Jahrhunderts. Und weißt Du, warum?“

Der Junge wusste es nicht. „Gibt es hier kein Lenkrad oder so etwas?“ fragte er.

„Schau aus dem Fenster, dann weißt Du es.“

„Dann weiß ich, weshalb das Lenkrad fehlt?“

„Dann weißt Du, warum Fliegen ein Traum von Freiheit ist und das Lied auf Platz vier kam.“

„Und das Lenkrad?“

Der Captain bewegte sich in seinem Sitz. „Wir haben kein Steuerhorn mehr. Das geht alles digital. Mit diesem Sidestick, siehst Du.“

Seine Co-Pilotin sah ihn irritiert an. „Soll ich die Landung übernehmen, Sir?“ fragte sie zögernd.

„Nein, Co, ich mach‘ das schon.“

Der Captain wandte sich wieder dem Jungen zu. „Als ich so alt war wie Du -“

Doch der Junge wollte wissen: „Wie hoch fliegen wir?“

„Etwa 10.000 Meter, bald gehen wir tiefer.“

„Geht es auch höher?“ fragte der Junge, „20.000 oder so? So hoch, dass ich das Weltall und in den Himmel sehen kann?“

Der Captain schüttelte den Kopf. „Nein. Mehr als 12.000 schaffen wir nicht.“

„Keine 20.000?“

„Wenn das so einfach wäre. Selbst der Höhenrekord liegt nur bei knapp 40.000 und Dein Weltraum, der beginnt erst bei 100.000. Das hört sich weit an, aber was sind schon hundert Kilometer. Voyager 1 ist 18 Milliarden Kilometer weit weg. Für das Licht sind das 18 Stunden. Voyager hat 35 Jahre gebraucht.“

Seine Co-Pilotin krauste die Stirn, sagte aber nichts. Ihr Pferdeschwanz wippte.

„Vögel“, fuhr der Captain fort, „Vögel sind wunderbar. Die können wirklich fliegen. Sie sind so leicht und doch kräftig und können sich treiben lassen bis ins höchste Blau. Diese Freiheit wollte ich schon als Kind, mich einfach loslassen können, schweben bis über die Wolken, bis in das Licht, das endlos ist, ohne Schularbeiten und Stundenpläne, fliegen, immer nur fliegen.“

„Aber jetzt fliegen Sie doch!“ sagte der Junge.

„Das ist nicht dasselbe“, dachte der Captain, „ich fliege, aber ich fliege um zu transportieren. Leute und ihr Gepäck. Gepäck und Leute. Von A nach B und von B nach A und von C nach D und wieder nach A.“

„Hinten ist alles voll“, sagte der Junge, „alles ausgebucht. Gut, dass mein Platz hier vorne ist.“

„148 haben wir an Bord“, murmelte der Captain, „die wollen alle nach Hawaii, warum auch immer.“

In der Tiefe funkelte das Wasser des Pazifiks.

„Wir sind nicht hier oben, weil fliegen so schön ist“, sagte der Captain gedehnt, „sondern nur, weil es schneller geht. Von A nach B eben. Ich habe Checklisten, Flugpläne und Fluglotsen. Nur im Traum kann ich einfach steigen, hoch, immer höher, bis das Blau aufhört und alles schwarz wird, eine dunkle Weite, die anders ist als auf der Erde, ohne Anfang und ohne Ende, und wo es nicht einmal mehr Stille gibt, weil überall nur nichts ist.“

„Dazu braucht man eine Rakete!“, rief der Junge.

Der Captain nickte. „Ja, deren Schubkraft müsste man haben.“

„Mit tausend PS“, ergänzte der Junge.

„Wir messen nicht in PS, nur in Schubkraft. Jedes unserer Triebwerke hat 120 Kilonewton.“

Seine Co sah ihn abermals von der Seite an. Sie war  beunruhigt. „Ich erinnere mich, Sir.“

„Und die Rakete?“ fragte der Junge.

„Die hat nicht zweimal 120, so wie wir, die hat 40.000, sonst würde sie von der Anziehung der Erde nicht loskommen.“

„Sehr beeindruckend, Sir.“ Und zögernd: „Soll ich den Sinkflug einleiten?“

„Was sagt denn Kona?“

„Sofort, Sir. Kona Airport? Hier Flug AEGO 2446. Bitte kommen. Wir sind bereit zum Sinkflug.“

Der Junge berührte den Captain am Arm. „Bitte noch nicht runtergehen“, bettelte er, „ich will noch in den Himmel sehen.“

Der Captain zögerte, dann sagte er rasch: „Co, Hawaii liegt weit genug vor uns. Wir gehen für ein paar Minuten auf elf-acht, sagen Sie es dem Anfluglotsen und machen Sie eine Durchsage für die hinten. Tun wir es für den Jungen.“

„Ok, Sir. Elf-acht.“ Doch seine Co sah sich irritiert im Cockpit um, denn da war kein Junge. Der Captain bewegte den Stick. Das Rauschen der Triebwerke wurde heller, der Steigflug begann.

Die Co-Pilotin machte die Durchsage an die Passagiere, dann wandte sie sich an den Captain: „Kona fragt, was das soll, Sir.“

Der aber sah mit einem Lächeln aus dem Seitenfenster und schwieg. Das Flugzeug gewann langsam an Höhe. Der Junge verhielt sich jetzt sehr still, verkroch sich in eine Ecke, verschmolz mit der Wand des Cockpits. Sie stiegen und stiegen. Zwei orange Lämpchen blinkten.

„Wir sind am Limit, Sir.“

„Noch nicht, Co, es geht noch. Merken Sie, wie wir schweben?“ Das Flugzeug jedoch ruckelte als würde es über Schotter fahren.

„Wir sind jetzt über Limit, Sir, schon zwölf-sechs!“ und sie sah den Captain mit aufgerissenen Augen an.

„Wir schweben“, flüsterte der Captain und suchte mit seinen Blicken den Jungen.

„Dreizehntausend, Sir. Wir können die Geschwindigkeit nicht mehr halten!“

„Wir schweben, Co.“

„Vierzehn-drei!” Jetzt war Panik in ihrer Stimme. „Wir crashen, Sir!“

Die Turbinen dröhnten und das Flugzeug schaukelte. Drei Signale schrillten jetzt, fünf Lämpchen blinkten. Unter ihnen schwebten seidig glänzende Federwölkchen in der dünnen, kalten Höhenluft. Die Co-Pilotin hatte den Mund weit offen. Das Flugzeug ruckte.

Der Captain sah immer noch aus dem Seitenfenster auf den Pazifik. Schließlich seufzte er. „Sinkflug“, murmelte er, „ich mach das schon“, und bewegte den Stick langsam nach vorn. „Die Landung aber machen Sie, Co.“ und nach einer Weile, fast liebevoll: „So etwas musst Du aushalten können, Co. Und niemals die Ruhe verlieren!“ Sie fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. „Ja, Sir, danke, Sir.“

Weit voraus schoben sich violett die Berge von Big Island über den Horizont. Nun leuchtete schon weiß die Brandung entlang der Küste. Als grauer Strich kam aus dem Dunst die Landebahn des Kona International Airport.

Der Captain lehnte sich entspannt zurück. Er sah hinüber zu seiner Co-Pilotin, die die Landung eingeleitet hatte und lächelte. Selbst ihr Pferdeschwanz wirkte konzentriert.

Das Fahrwerk war ausgefahren. Ganz ruhig lag ihre Hand am Sidestick für den Nose-Down-Input, um die Last auf das Bugrad zu bekommen, und die Flaps standen auf Drei, dann auf Full, um den Auftrieb zu halten.

Schon hatten sie die breiten weißen Querstreifen vor sich, die den Beginn der Landebahn anzeigten und schwebten über die aufgemalte Siebzehn.

„AEGO 2446, noch 100 – 50-40-30-20- gelandet. Kommen Sie über die Eins.“

„Über die Eins, verstanden, Kona. Ende.“

Während sie rollten, sah der Captain sich um, aber da war wirklich kein Junge mehr. Stattdessen meldete sich nochmals der Tower:

„Eine Frage noch, AEGO 2446: Gab es einen Grund für das Manöver vorhin?“

Die Co-Pilotin blickte zum Captain, der ihr zunickte.

„Ja“, sagte sie ins Mikrofon.

„Sagen Sie ihn uns, AEGO 2446.“

Der Captain übernahm das Mikro. „Sehnsucht“, sagte er etwas verlegen auf Deutsch, „Sehnsucht!“

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