Susanna M. Farkas: Einsamkeit (Literatur lebendig halten 2020)

Literatur lebendig halten!

Eine Aktion der Mitglieder der Hamburger Autorenvereinigung anlässlich der Corona-Pandemie 2020

Autorenprofil Susanna M. Farkas: http://www.hh-av.de/mitglieder/farkas-susanna-m/

Einsamkeit

Ich sitze und warte.
Ich sitze in einer Seniorenanlage, die eher nach einer Anstalt
riecht, und warte auf einen Bekannten, den ich in ein paar
Minuten hier treffen werde. Ich kenne diese Anlage und ihre
Menschen. Einige gehen an mir vorbei und wir grüßen einander.
Freundlich. Knapp. Viel geredet wird hier nicht.
Jeder ist für sich.
Ich auch.
Meine Augen suchen nach Unterhaltung in dieser öden Landschaft.
Mein Blick richtet sich auf die traurig blickenden Wände,
die mit ein paar geschmacklosen, aber sehr wohl bunten Bildern
belastet dahin vegetieren. Paradoxerweise sollen sie ganz offensichtlich
der Motivation dienen. Als eine Art Aufputschmittel
für Geist und Seele. Jeder, der sie sieht soll Freude empfinden.
Freude über die Schönheit und Verspieltheit des Lebens.
Ich empfinde nur Mitleid.
Mit der Wand. Und mit den Menschen, die diese durch
Dummheit, aber durchaus guten Willen inspirierte Verblendung
der Realität täglich ertragen müssen.
Man meint es gut mit den Bewohnern.
Da kommt eine ältere Frau. Sie schiebt ihre Gehhilfe vor sich
hin. Wie einen Kinderwagen. Das schlürfende Nebengeräusch
ihrer Schritte klagt über Müdigkeit und Trauer. Ich schaue in
ihre erloschenen Augen und grüße: „Guten Tag!“ Der Klang
einer menschlichen Stimme scheint ihren Ohren ein seltener
Besuch geworden zu sein. Still lächelt sie mich an und sagt
leise: „Guten Tag.“ Mein Blick begleitet sie zum Ziel ihrer
Reise. Es ist die Briefkastenwand. Die einzige ehrliche Wand
in diesem Hause.
Sie bleibt stehen.
Sie wartet.
Ich auch.
Sie nimmt ihren Schlüssel und öffnet den Kasten. Ihr Blick
sucht etwas. Botschaft aus der Welt da draußen. Aus der Welt,
die einst auch ihre war. Doch nun verweigert sie sich ihr. Sagt
kein Wort, keinen Gruß.
Nichts.
Die Welt da draußen schweigt.
Der Briefkasten ist leer.
Ich sehe, wie ihr magerer, zierlicher Körper unter dieser Last
des Schweigens bricht. Ich schäme mich für meinen freien Zugang
in die Welt. Fast möchte ich ihr ein Stück davon schenken
und sagen: „Da, nimm! Geh!“ Doch ich schweige.
Ich suche ihren Blick, doch meine Augen gehorchen mir nicht.
Sie schauen sie nicht an. Sie meiden ihren Anblick. Sie kommt
immer näher, leise sind ihre Schritte, ohne Hall.
Sie geht an mir vorbei und stöhnt:
„Schon wieder nur Luftpost.“

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