Sibylle Hallberg: Der Albdruck von Albersreuth (Literatur lebendig halten 2020)

Literatur lebendig halten!

Eine Aktion der Mitglieder der Hamburger Autorenvereinigung anlässlich der Corona-Pandemie 2020

Autorenprofil Sybille Hallberg: http://www.hh-av.de/mitglieder/hallberg-sibylle/

Der Albdruck von Albersreuth

– Eine Fiktion –

Ein Jahr ohne Wanderurlaub in der Oberpfalz? Das hat es für Ulli und Andrea aus Wedel in diesem Jahrtausend noch nicht gegeben. Es fühlt sich so fade an wie Bier ohne Köm oder Hamburg ohne Reeperbahn. Aber die bayerische Grenze ist für Touristen geschlossen, ebenso wie die schleswig-holsteinische. Andrea ruft ihre langjährige Wirtin Heidi in Albersreuth an und beklagt sich bitterlich über eine Kleinstaaterei wie zu Goethes Zeiten. Es fehlten nur noch Zollgrenzen und Postkutschen, die ICEs der damaligen Reisenden. Und diese ganze Rückschrittlichkeit wegen eines winzig-kleinen Teufels namens Corona!

Heidi hat Mitleid mit ihren Stammgästen und lässt sich erweichen, allerdings unter strengen Auflagen: Anreisen müssen sie bei Dunkelheit und das Haus dürfen sie nur nachts zum Wandern außerhalb von Ortschaften verlassen. Das Essen, das Heidi für beide heimlich aus der Küche vom Nachbarn Franz holt, dessen Gastwirtschaft geschlossen ist, müssen sie in ihrem Zimmer einnehmen, vorzugsweise auf einer Picknickdecke im Bett. Am Tage dürfen sie sich nirgendwo blicken lassen, weil Heidi sonst in Teufels Küche kommen könnte. Das Paar gelobt, alles zu tun, damit ihr jegliche Scherereien erspart bleiben und verspricht hoch und heilig, unsichtbar zu bleiben.

Nach einer ruhigen Autobahnfahrt ohne Zwischenfälle gelangen Andrea und Ulli unbehelligt, noch vor Sonnenaufgang, nach Albersreuth. Nur der erste Hahnenschrei, so glauben sie, gilt ihnen. Heidi öffnet lautlos die Haustür und sie huschen mit ihren Reisetaschen hinein. Vor Erleichterung vergessen sie ganz, dass Umarmen verboten ist. Aber niemand sieht die innige Begrüßung, niemand kann sie ihnen vorwerfen. Schnell richten sie sich im Eckzimmer ein, ihrem zweiten Zuhause seit zwanzig Jahren. Heidi hat ihnen Semmeln und eine Kanne Kaffee auf den kleinen, runden Tisch gestellt, wofür sie nach sechsstündiger Fahrt sehr dankbar sind. Nach dem Frühstück legen sie sich ins Bett und schlafen erschöpft bis in den Nachmittag hinein.

Die Sonne scheint, sie aber bleiben brav in ihrem Zimmer. Andrea liest   ein Buch über einen Bildschnitzer, einen Zeitgenossen Martin Luthers, und gruselt sich vor dem gesetzlosen und grausamen Mittelalter, in dem Folter und Tod zur Tagesordnung gehörten. Ulli liest die Tageszeitung vom Vortag und flucht über die dummerhaftigen Reden der Politiker.

Als es endlich schummrig wird, werden beide unruhig und schnüren schon einmal die Wanderschuhe zu. Aber noch eine ganze Stunde müssen sie im Zimmer auf und abgehen, bis die Nacht hereingebrochen ist und sie sich leise aus dem Haus stehlen können. Bald schreiten sie im fahlen Mondlicht befreit aus, gehen durch den Wald, vorbei an der kleinen Kapelle, deren weißer Anstrich am Tage über das angrenzende Feld hinweg leuchtet, weiter auf einem Sandweg am Feldrand entlang, bis er sich zu einem schmalen Pfad verengt. Sie folgen ihm, denn sie wollen sich nicht verlaufen. Tief atmen sie die frische, duftende Nachtluft ein und nehmen das Schild, das mit Pozor! auf die tschechische Grenze hinweist, im Dunkeln gar nicht wahr. Plötzlich blendet sie ein Flutlichtkegel, erstarrt bleiben beide stehen, ein gefährlich bellender Schäferhund springt direkt auf sie zu, hält sie in Schach, bis zwei Grenzsoldaten, mit dem Gewehr im Anschlag, sie ohne Erklärung festnehmen und wie Kriminelle in Handschellen abführen.

In einem abgedunkelten Kleinlaster werden sie in ein Gefängnis gebracht, wo ein unwirscher Beamter ihre Personalien aufnimmt, bevor sie in ein dunkles Verlies gestoßen werden. An beiden Längsseiten liegt ein Brett auf zwei großen Steinen, darauf eine dünne, graue Decke, hinten an der feuchten Mauer steht ein Blecheimer, über dem eine kleine, vergitterte Öffnung ein wenig Tageslicht hereinlässt. Andrea und Ulli dämmern wie gelähmt vor sich hin.

In Albersreuth spricht Heidi mit ihrem Mann Josef besorgt verschiedene Szenarien durch: Sie haben sich verlaufen, sich morgens nicht mehr zurückgetraut und sind irgendwie auf dem Weg zurück nach Norddeutschland. Sie haben bessere Wirtsleute gefunden, die sie auch tagsüber aus dem Haus lassen. Sie irren immer noch in den Wäldern umher und ernähren sich von Beeren und Pilzen, mit denen sie sich doch gar nicht auskennen. Die Unruhe wächst von Tag zu Tag, bis die lokale Zeitung das düstere Schicksal von Andrea und Ulli verkündet: Ein älteres Ehepaar aus Deutschland, das des Nachts unerlaubt in tschechisches Gebiet eingedrungen ist, wurde festgenommen und nach Pilsen gebracht, wo es im Gefängnis auf seinen Prozess wartet. Die Anklage lautet auf Spionage und Sabotage. Das erste Mal seit ihrer Wiedereinführung könnte in Tschechien die Todesstrafe verhängt und damit ein Exempel statuiert werden.

Die Zeitung sinkt Heidi aus der Hand; Josef wiederum schlägt mit der Faust auf den Tisch und ruft: Es reicht! Jetzt lernen die mich kennen! Tatsächlich lässt er seine geheimsten Beziehungen bis in die bayerische Landeshauptstadt spielen, und einige Wochen später kommt es am Grenzübergang Mähring zu einem Gefangenenaustausch. In München sitzen nämlich inzwischen auch tschechische Bürger ein, die ohne Gesundheitszeugnis heimlich nach Bayern gekommen sind, um für einen vergleichsweise guten Lohn auf den Feldern, im Hopfen-  und Weinanbau zu arbeiten. Es heißt, sie hätten rücksichtslos das Virus erneut nach Deutschland eingeschleppt, was an den neuerlich dramatisch gestiegenen Fallzahlen abzulesen sei.

Andrea und Ulli müssen den Freistaat innerhalb eines Tages unauffällig verlassen. Vorher allerdings noch die Anweisung unterzeichnen, dass sie zu Hause umgehend in die richtige Partei eintreten und mit aller Anstrengung darum kämpfen werden, dass die Umfragewerte für den Bayerischen Ministerpräsidenten auch im Norden der Republik in die Höhe schnellen, damit seine Kanzlerkandidatur im gesamten Bundesgebiet möglich und bei der nächsten Wahl von Erfolg gekrönt sein wird. Sollte das nicht der Fall sein, dürfen Andrea und Ulli den Freistaat Bayern nie wieder betreten. Sie unterschreiben.

Heidi geht straffrei aus, weil sie barmherzig einem geistig minderbemittelten Paar aus Schleswig-Holstein Unterschlupf gewährt hat, dem offensichtlich die starken Windböen, die dort über Deiche hinwegfegen und ganze Strohdächer abheben, den klaren Verstand weggepustet haben.

© Sibylle Hallberg
April 2020

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