Rainer Lewandowski: Liebe auf den Punkt (Literatur lebendig halten 2020)

Literatur lebendig halten!

Eine Aktion der Mitglieder der Hamburger Autorenvereinigung anlässlich der Corona-Pandemie 2020

Autorenprofil Rainer Lewandowski: http://www.hh-av.de/mitglieder/lewandowski-rainer/

Liebe auf den Punkt

für Wilfried

Er fuhr langsam, in die lange Schlange der knatternden und pötternden Fahrzeuge eingereiht, auf die leeren Straßenbahnschienen innerhalb der breiten Bahnsteige mit den schrägen Regendächern der großen zentralen Haltestelle, ein wichtiger Umsteigepunkt mehrerer Linien des öffentlichen Nahverkehrs mitten in der Stadt.

Es war ein sonniger Frühsommertag Anfang Juni. Da fiel ihm vorn zwischen den Wartenden, in geringem Abstand, eine wunderschöne junge, sommerlich gekleidete Frau auf. Er war augenblicklich fasziniert: Dieses anmutige Gesicht, die klugen Augen, das wellige Haar offen… Sie hob die Hand, das Zeichen, dass sie mitgenommen werden wollte. Er winkte zurück und richtete sein Augenmerk und seine Fahrgeschwindigkeit der Annäherung so ein, dass er glaubte, genau neben ihr zum Halten zu kommen, um sie in sein Fahrzeug einsteigen zu lassen. In seinen nicht mehr ganz neuen, aber tadellos gepflegten Fiat 500 Cabriolet, mit Cabriorolldach und verchromten Stoßstangen und ebensolchen Scheibenwischern. Es war ein besonderes Fahrzeug, auf das er stolz war. Die Türen waren andersherum angeschlagen, öffneten sich nach hinten, was das Einsteigen kolossal erleichterte und natürlich auch das Aussteigen. Ans Aussteigen mochte er allerdings noch nicht denken. Ein angemessenes Fahrzeug der besonderen Art, passend für diese junge Frau besonderer Art.

Er rollte neben sie, verlangsamte die Fahrt noch mehr und hielt, sie einladend anstrahlend, an ihrer Seite, handgerecht zum Öffnen der Tür. Jetzt!

Doch da schweifte ihr Blick nach hinter ihm, sie ging an ihm und seinem Auto achtlos vorbei und stieg in den Wagen, der ihm folgte. Ein weißes Mercedes Cabrio mit geöffnetem Verdeck und roten Lederpolstern, wie er im Rückspiegel gewahrte.

Er war enttäuscht. Sollte wirklich der Wagen entschieden haben? Nicht er als sie bewundernde Person?

In diesem Augenblick stieg ein junger Mann mit langem Haar und Zottelbart bei ihm ein und setzte sich platzgreifend auf den freien Beifahrersitz.

Sein Blick hing im Spiegel noch an der jungen Frau im Wagen hinter ihm. Der hupte lautstark, ihn auffordernd, endlich loszufahren.

Mechanisch gab er, sicherheitshalber um ein peinliches Krachen des Getriebes zu vermeiden, Zwischengas, legte den ersten Gang ein, ließ die Kupplung kommen, und setzte sich langsam in Bewegung, um möglichst lange den Blick zu der wunderbaren Frau im Rückspiegel zu halten. Er wusste, sie würde ihm bald entschwinden. Das tat ihm weh. Solch eine Fee war ihm noch nie begegnet. Keine Kommilitonin aus den Seminaren, die er an der Uni besuchte, hatte solch eine betörende, ihn anziehende, ihn zu sich hinreißende Empfindung ausgelöst.

Da überholte ihn auch schon ungeduldig, noch einmal strafhupend, der Protz-Mercedes, und er sah diese Frau seitlich an ihm und seinem Fahrzeug vorbeirollen, bis sie, rechts blinkend, im Verkehrsstrom des großen Kreisels entschwand.

„Danke“, sagte der junge Mann neben ihm, „ich möchte da vorne links rum in die Goethestraße, dann sage ich weiter Bescheid.“

„Ja…“, sagte er abwesend.

„Klappt doch schon ganz prima mit dem roten Punkt“, fuhr sein ungebetener Fahrgast eifernd fort. „Muss man sich mal vorstellen, Mann. Eigentlich haben doch alle alles, es gibt in unserer kapitalistischen Gesellschaft nichts, was es nicht gäbe, alle könnten passivistisch individuell zufrieden sein – und dann auf einmal, wie angeknipst, diese Solidarität unter den Menschen. Aus Bürgern werden Genossen! Ich fass es nicht!“

„Ja…“.

Seine Gedanken gingen einen ganz anderen zwischenmenschlichen Weg. Zwar hatte er schon einmal eine solidarische Kooperation erlebt, als die Schüler seiner Schule beim Umzug derselben in den Neubau in langer Schlange Tische und Stühle durch die Straßen trugen. Aber das war lange her und auch irgendwie unfreiwillig.

Sein Fahrgast riss ihn aus seinen Gedanken.

„Am 1. Juni die Fahrpreiserhöhung der öffentlichen Nahverkehrsbetriebe um 33 1/3 Prozent, muss man sich mal klarmachen, von 50 auf 66,67 Pfenning! Alles für die Dividendenfuzzies. Da waren wir vor dem Neuen Rathaus bei der ersten Demo knapp 300 Demonstranten. Immerhin. Aber zwei Tage später waren wir vor dem Opernhaus schon 1000, tags drauf 2000, und selbst ihre fünf Hundertschaften der Polizei haben uns nicht vertreiben können. Stattdessen waren wir – nur einen Tag später! – schon 5000!“

„Ja…“, sagte er und dachte: ‚Diese wunderschöne Frau… wo ist sie hin…‘

„Aber die Re-Aktionäre sind ja selber schuld! Gönnen sich für 1968 eine satte Gewinnausschüttung von 1, 4 Millionen Mark, erhöhen aber im Gegenzug die Fahrpreise um bis zu 33 1/3 Prozent! Wen regt das nicht auf, frage ich dich. Ist doch genial, unsere Idee mit dem roten Punkt. Wir, also der Asta der Uni, der DGB, der SDS und viele andere Gruppen, haben am selben Tage, als die Verkehrsbetriebe wegen unserer Demonstrationen und Blockaden den Fahrbetrieb komplett einstellen mussten, 50 000 rote Punkte auf Zettel drucken lassen als Zeichen der Bereitschaft der privaten Autofahrer, Fahrgäste auf- und mitzunehmen, damit alle auch ohne Bahn und Bus nach Hause kommen. Und es klappt wunderbar wie du siehst.“

„Ja. Aber nicht ganz… Man kann sich leider nicht aussuchen, wen man gern mitnehmen möchte…“

„Wieso? Stör ich dich? Ich würde ja gern selbst fahren, aber mein Alter hat mir sein Auto nicht mehr gegeben, als ich den roten Punkt in die Windschutzscheibe geklebt hatte. ‚Das ist mein Auto! Das ist nicht für Wildfremde! Und außerdem: Lass dich mit dem Auto so gefälligst nicht hier in der Nachbarschaft sehen! Was sollen die Leute denken, von einem mit solchen Haaren und diesem Kommunistenpunkt in der Scheibe! Park gefälligst das Auto woanders – oder besser noch: Gib mir den Schlüssel zurück! Dann reiße ich diesen Sozifleck wieder ab und kann wieder sicher direkt vor unserem Grundstück stehen. Dass du mir nicht etwa denkst, du könntest bei dieser Demosache wieder mitmachen, wenn ich mal nicht auf das Auto aufpasse! Mit dem Wagen wollen deine Mutter und ich in drei Wochen nach Italien! Da darf nichts mehr passieren! Mit wildfremden Menschen in unserem Auto! Also weißt du!‘

Mein Alter! Aber ein Gutes hat es: So komme ich jetzt wenigstens selbst in den Genuss dessen, was ich mitorganisiert habe. Da vorn, am Freizeitheim kannst du mich absetzen. Dann gehe ich schnell zum Leiter, ein paar rote Punkte und Infoblätter abliefern. Das Stück zum Politischen Seminar schaffe ich per pedes. Großes Latinum für Geisteswissenschaftler: Per pedes! Du verstehst?“

„Ja“.

Der unentwegt quatschende Fahrgast lachte vor eigener Begeisterung.

Er hielt an.

„Jedenfalls danke. Und denk dran: Du bist nicht allein, wenn du träumst von Gemeinschaft. Eine solche rote Solidarität! Schlangen von Hilfswilligen! In unserer bequemen Wohlstandsgesellschaft! Yeah! Yeah! Yeah! Punktgenau!“

Der junge Mann stieg aus und knallte die Beifahrertür zu – viel zu kräftig für das kleine Auto! Er zuckte zusammen. ‚Endlich draußen!‘ Da baumelten die langen Haare zum Beifahrerfenster nochmal herein. „Man sieht sich!“

Weg war der aufgedrehte Aktivist.

‚Und weg ist auch sie … wohin? Wo ist sie? Jetzt ist es 14 Uhr. Es muss so gegen halb zwei gewesen sein als sie an der Haltestelle winkte. Vielleicht kommt sie ja immer um diese Zeit… auch morgen… Tomorrow never knows. Mal sehen, ob die Beatles recht haben …‘

Jetzt galt es, die Zeit bis morgen Mittag möglichst wenig zerknirscht herumzubringen.

Am Nachmittag hatte er ein Hauptseminar, interessanterweise in der obersten Etage des Verwaltungshauses der städtischen Verkehrsbetriebe, beim Lehrstuhlinhaber selbst, der auch schon in seinem kleinen Auto mitgefahren war, als es galt, möglichst schnell in das vornehme Lokal zu kommen, in dem der Professor sein Mittagessen einzunehmen pflegte. Dort durfte er, essensbegleitend, im sorgsam bepflanzten Parkhof sein Fahrzeug abstellen, und gemeinsam mit den handverlesenen eingeladenen Assistenten und Seminarleitern speisen. Er als Tutor für Anfängergruppen zählte auch intellektuell und nicht nur als Fahrer zum inneren Kreis.

Nach der stilvollen Mahlzeit, hier musste er Etikette lernen, wanderten seine Gedanken wie selbstverständlich zu seinem Engelsbild zurück. ‚Vielleicht kann ich diesem wunderbaren Geschöpf mit den neuesten Hits aus einem Autoradio imponieren, wenn mein Fahrzeug schon zu den kleinstmöglichen zählt und keine roten Lederpolster bietet…‘

Aber woher die Musik erklingen lassen? Ein einbaufähiges Autoradio hatte im blechernen Armaturenbrett mit drei kleinen Kippschaltern keinerlei Platz.

‚Da es ein zu öffnendes Kunststoffrolldach besitzt, könnte eine normale Radioantenne, da unabgeschirmt, ihren Dienst tun‘.

Er besorgte ein kleines tragbares Kofferradiogerät mit Bügel, hängte es vor der Rückbank an den Drahthaken, der sonst das gerollte Dach zusammenhielt.

Es funktionierte: Das Radio empfing, zumindest den stärksten Lokalsender. „Let’s spend the night together…“. ‚Hoffentlich spielen sie nicht gerade das, wenn sie einsteigt…‘

Am nächsten Vormittag säuberte er das Auto von innen und außen, polierte die Chromteile auf Hochglanz, die Flächen der Radkappen inbegriffen. ‚Besser geht es nicht, jetzt muss sie nur noch etwa um die gleiche Zeit am gleichen Ort eintreffen. Dann öffne ich, wenn das Wetter es hoffentlich zulässt, das Autodach, und die hoffentlich passende Musik schallt der Schönen aus meinem Gefährt entgegen. ‚Walkin‘ in the sunshine, sing a little sunshine song.
Put a smile upon your face as if there’s nothing wrong …‘

Zeitnah stand er kurz nach der Mittagszeit in einiger Entfernung vor der Haltestelle bereit, die Fahrtwünschenden zu beobachten, um sich rechtzeitig in die Schlange der heranfahrenden Fahrzeuge einzureihen, wenn sie auftauchte. Inzwischen hatten einige Helfer die Endstationsziele der dort verkehrenden Straßenbahnlinien auf Schilder gemalt und entsprechend die Autoreihen vorsortiert, so dass die Fahrgäste gezielter und schneller aufgenommen werden konnten. Aber für ihn war das ein zusätzliches Problem.

Er musste sich absichtlich noch etwas weiter abseits halten, da er ja nicht wissen konnte, in welche Fahrzielschlange sie sich einreihen würde. Auf ihren Blick aus diesen strahlenden Scheinwerferaugen freute er sich schon unbändig, wenn er ihr zu der – hoffentlich anregenden – Radiomusik entgegensteigen, den Schlag öffnen und sie in sein Autoinneres leiten würde… Dann könnte er sich zuvorkommend bedanken, und die Gelegenheit war gekommen, sie mit den liebreizendsten Komplimenten zu überschütten.

‚Das muss wirken! Was denn sonst? Und wenn ich noch das Glück hätte, dass hinter mir kein wesentlich imposanteres Fahrzeug die Schiene entlang käme…‘

Es war ein paar Minuten vor zwei. Gleich würde sie kommen: ‚Gnädiges Fräulein, darf ich ‘s wagen…  Arm und Geleit …‘ Ja, warum nicht mit ‚Faust‘?‘

Langsam schob er sich vor, neben die anstehende Fahrzeugreihe. Er schaute und suchte sie. Natürlich würde er sie nicht nur wieder erkennen, nein, er würde sie ganz sicher wiedererkennen. Auf einmal drängelte von hinten ein Kleintransporter dicht an ihn heran. Der kam in den Schlangen nicht an seinem Auto, so schmal es auch war,  vorbei. Sein kleines Auto wurde auf einmal zum Hindernis des reibungslosen Ablaufs. Ein paar Sekunden hielt er dem einsetzenden Hupkonzert stand, dann musste er zwangsweise wenigstens langsam vorwärtsrollen, zögernd und verzögernd an den Mitfahrwilligen vorbei. Hier hatte sie gestern gestanden, hier, aber jetzt sie war nicht da. Er bremste die langsame Fahrt noch weiter ab, aber der Kleintransporter drängelte massiv, so dass er nach einiger Zeit widerwillig weiter voran fahren musste. Plötzlich stieg ungefragt eine ältere Dame mit Einkäufen in seinen Wagen ein, beförderte ihr vielgestaltiges Gepäck auf die Rückbank, wo das Kofferradio hing, und brach prompt die herausragende Antenne ab.

„Kann losgehen, junger Mann! Und danke!“, rief sie kurzatmig und füllte mit ihrem Leibesumfang das Fahrzeuginnere bis zum mittigen Schalthebel aus.

Es hupte heftig hinter ihm.

Er musste anfahren. In diesem Augenblick kam sie. Ja! Sie kam! Er konnte sie deutlich im Rückspiegel erkennen! Sie war da! Leider hinter seinem Wagen und schon stieg sie in einen popeligen Käfer in perugrün. Ihr Kleid hing noch etwas aus der Tür, er wollte anhalten, zu ihr laufen, den Rocksaum retten, aber da schubste ihn der Kleintransporter sanft an und schob ihn gnadenlos vorwärts. Um Schaden zu vermeiden, gab er nun selbst Gas und entfernte sich gezwungenermaßen von der Angehimmelten im perugrünen Volkswagen.

„Welch verdammtes Pech!“, fluchte er leise. „Zu spät!“

Dann fuhr er rechts ran, halb auf den Bahnsteig und wartete.

„Was ist los? Was soll das?“ keifte seine ungebetene Mitfahrerin.

Aber er kümmerte sich nicht darum.

„Ich habe es leider eilig!“

Er wartete, bis der VW auf gleicher Höhe war. Dann schlängelte er sich etwas waghalsig in die Fahrzeugreihe und folgte dem perugrünen Unglückskäfer.

„Wo fahren Sie denn hin? Ich muss in die entgegengesetzte Richtung, junger Mann!“

„Jetzt nicht! Es gibt Wichtigeres!“

„Wenn Sie mich entführen, rufe ich die Polizei!“ schrie seine Fahrgästin hysterisch.

„Keine Sorge“, beruhigte er sie, „gleich geht es in Ihre Richtung weiter… ich muss nur erst sehen, wohin dieser Käfer da fährt!“

„Welcher?“

„Der Perugrüne dort.“

„Spannend! ‚Folgen Sie dem Wagen, Sir!‘ Edgar Wallace hätte seine wahre Freude an Ihnen, junger Mann. Ich bin dabei! Passen Sie auf, da vorne fährt er links. Wahrscheinlich will er durch den Stadtwald.“

„Hoffentlich nicht…“, sagte er kleinlaut.

Und weiter ging die Verfolgungsfahrt.

„Rot!“, rief die reife Dame.

„Jetzt nicht. Dann verliere ich sie!“

„Ihn! Den VW!“

„Ich meine aber sie da drin!“

„Ich begreife!“ Die Dame schnappte nach Luft als er mit hoher Geschwindigkeit um eine rechtwinklige Kurve raste. „Sie fahren einen heißen Liebesreifen! Für mich hat das bisher keiner getan. Aber so fahre ich wenigstens mal mit!“

Sie fuhren sehr weit hinaus, bis an den Stadtrand in eine Neubausiedlung mit winzigen, neu gebauten Einfamilienhäusern. Vor einem adretten Giebelhäuschen mit weißem Vorgartenzaum hielt der Perugrüne. Aus einiger Entfernung sah er, wie sie sich nach dem Aussteigen noch einmal anmutig in das Wageninnere beugte, – ‚Was sie da wohl sagte?‘ – bevor sie entschieden die Beifahrertür zuschlug, jedoch vergebens. Die Tür hakte. Sie musste den Schließvorgang mit viel Kraft wiederholen. ‚Bei mir wäre ihr das nicht passiert…‘, dachte er und wünschte sich, sie würde auch bei ihm die Beifahrertür sanft schließen.

Sie verschwand im Haus. Der Wagen des einfachen Volkes für davon.

Jetzt half nichts mehr, auch er musste nun losfahren und seine geduldige und verständnisvolle Mitfahrerin bis ans entgegengesetzte Ende der Stadt bringen.

„Jetzt muss ich bis morgen warten“, sinnierte er unterwegs vor sich hin. „Vielleicht steigt sie morgen bei mir ein…“

„Wenn ich raten dürfte:“, mischte sich seine Passagierin ein, „fahren Sie morgen ganz früh hierher, zu ihrem Wohnhaus, und holen Sie sie zu Hause ab. Das ist ein Hilfsdienst, den sie nicht übersehen kann. Ich würde das jedenfalls nicht!“, lachte sie. Er schmunzelte höflich mit.

Auf der langen Rückfahrt zu seiner eigenen Unterkunft in der Wohngemeinschaft, die er aus rotpunktlicher Ferne heimwärts noch zu bewältigen hatte, nahm er niemanden mehr mit.

Er malte sich stattdessen egoistisch den morgigen Morgen aus, wenn er sie überraschend daheim abholte, denn inzwischen gefiel ihm dieser für den öffentlichen Nahverkehr unkonventionelle Gedanke seiner längst sicher daheim abgelieferten dankbaren Beifahrerin. Er musste allerdings sicherheitshalber sehr früh vor Ort sein und viel Zeit opfern, denn er wusste ja nicht, wann sie das Haus verlassen musste.

„Hier steht Ihr persönlicher Roter Punkt! In Liebe zu Diensten!“ und mit einer elegnaten Geste an seinem Fahrzeug entlang könnte er anfügen: „Der Schöne der Schönen! Oder besser: Der Schönen der Schöne? Jedenfalls: Einsteigen bitte!“, und er würde den Schlag einladend aufreißen, sie würde ihn dankbar und verheißungsvoll aus lichtfrohen Augen anstrahlen, sein Herz würde lichterloh entflammen, und sie würden, ausgelassen lachend, ihren Weg gemeinsam in den Tag angehen!

Es wurde eine unruhige Nacht.

Die Nachrichten aus dem Kofferradio vor der Rückbank hatten während der Rückfahrt von Gesprächen zwischen der Stadtverwaltung, den Verkehrsbetrieben, dem Asta, dem SDS und mit durchaus zur Gewalt bereiten kleinen Gruppierungen berichtet, die einen Teil der Gleise der Straßenbahn mit Beton zugegossen und unpassierbar gemacht hatten.

‚Wenn die sich heute Nacht einigen und morgen in der Früh sind die Roten Punkte sämtlichst erblasst und von den Windschutzscheiben verschwunden – nicht auszudenken! Dann werde ich meine erträumte Schöne niemals mehr treffen … es sei denn irgendwo zufällig…! Aber so einen Zufall gibt es nicht…‘, haderte er mit sich und den politischen Schicksalsmächten.

Es musste gehandelt werden – und er handelte. Sicherheitshalber hörte er keine Nachrichten mehr.

Punkt 6 Uhr stand er vor dem Haus, in dem seine ihm noch unbekannte Traumfrau wohnte.

Ein paar Blümchen durften natürlich nicht fehlen. Er hatte sie in der kleinen Saugnapf-Blumenvase am Armaturenbrett mit frischem Wasser versorgt.

Nun hieß es für ihn, der Dinge harren, die kommenden Entwicklungen nach Kräften beeinflussen.

Kurz nach halb acht, er hatte schon befürchtet, zwischendurch kurz eingeschlafen zu sein und sie verpasst zu haben, trat sie beschwingt aus dem Haus.

‚Wie eine Fee… wie schwerelos ihr Gang, wie entzückend das schöne Gesicht, wie geschmackvoll das trägerlose, groß geblümte Kleid über dem wippenden Glockenminirock‘.

Mit einem Fuß stand er schon in der geöffneten Autotür, da trat ein älterer Herr aus dem Haus, schloss die Türe ab, sie wartete auf ihn, dann gingen beide zu der Garage nebenan. Der Mann hob das graue Blechtor und ein cremefarbener Opel Kadett kam kurz darauf lautkäckernd herausgefahren, eine blaue Abgasfahne hinter sich her wirbelnd. Während die Göttin das Garagentor schloss, hielt der Herr mit seinem Wagen neben ihm an, kurbelte die Seitenscheibe herunter und rief zu ihm hinüber: „He! Du da mit dem Rotfleck! Verschwinde aus unserer Siedlung, du rote Socke! Lern erstmal richtig arbeiten! Und lass dir die Haare schneiden!“

Verdutzt blieb er neben seinem Auto stehen, reglos und unfähig die passenden Widerworte zu geben.

„Red nicht so was, Papa! Der hat gerade in aller Frühe jemanden hierhergebracht anstelle der geldgierigen Nahverkehrler, die ihre Bahnen stillgelegt haben und auf ein Verkehrschaos hoffen, um ihre Preissteigerung durch noch durchzusetzen, ein Chaos, das dieser junge Mann durch seinen selbstlosen Einsatz zu verhindern hilft. Dankbar sollten wir ihm sein. Dankbar, dass er sogar sein noch so kleines Auto bereithält! Ich finde das bewundernswert, wie sich die Menschen solidarisch füreinander einsetzen in der Not. Solltest du vielleicht auch mal machen!“

Während sie das sagte, schaute sie zu ihm hinüber, sehr aufmerksam über das Autodach ihres Vaters, und es war ihm, als nähme sie ihn jetzt erstmals eindringlich wahr. Und die Beatles sangen ihr ‚She loves you‘ aus seinem Kofferradio dazu…

„Darf ich Sie vielleicht mitnehmen, verehrtes Fräulein! Heute Mittag um halb Zwei bei der Haltestelle in der Stadt!“, wollte er ihr zurufen, brachte aber keinen Ton heraus. Er schaute sie nur an.

Da verschwand sie in dem cremigen Opel Kadett ihres Vaters, dem sie doch ziemlich selbstbewusst ihre (und seine!) Meinung energisch gesagt hatte. Das hatte ihm imponiert. Er bewunderte sie jetzt umso mehr.

In seinem Kofferradio waren mittlerweile die Stones mit ‚Satisfaction‘ zu Gast…

Kaum konnte er die Zeit bis halb Zwei Uhr erwarten. Sein vormittägliches Seminar ‚Das Große Latinum für Geisteswissenschaftler‘ ging mehr oder weniger ungebraucht durch seinen Kopf hindurch. Das Essen in der Mensa schmeckte heute auch nicht besonders, so aß er noch zusätzlich in einer gut bürgerlichen Gaststätte in der Nähe eine Currywurst mit besonders guten Bratkartoffeln.

Dann war es Zeit, sich erwartungsvoll zu der Haltestelle zu begeben.

‚Ich muss geduldiger warten und mich etwas mehr an der Seite halten, so dass auch breite Fahrzeuge an mir vorbei kommen können. Wenn ich sie dann sehe, fahre ich auf sie zu, lächle sie an, sage: ‚Schön sehen Sie aus, ich bin tief beeindruckt und bewundere Sie. Darf ich Sie in meinen kleinen, aber ungewöhnlich feinen Wagen einladen zu einer trauten Fahrt im offenen Gefährt. Mit Musik!‘ Wie kann sie mir dann noch widerstehen…‘?

Er hielt pünktlich an der Seite der Zuführungsstraße, winkte nach ihm ankommende Fahrzeuge an sich vorbei und wartete.

Da war ja auch die üppige Mitfahrerin von gestern wieder. Sie suchte offenbar nach ihm. Da entdeckte sie ihn – „Oh nein!“ – aber sie winkte ihm nur aufmunternd zu und reckte entschlossen und ermutigend die Faust in die Höhe. Dann stieg sie in einen helblauen Ford 17 M und rollte davon.

Er hielt weiter Ausschau und wartete.

Wartete.

Wartete

und wartete.

‚Heute kommt sie offenbar nicht. Mist! Alles hätte gepasst: Schönes Wetter, Autodach offengerollt, antörnende Musik von NDR 2. Elvis schmachtete: ‚For I can’t help fallin‘ in love with you…‘’

Er erhob sich, hielt sich am Lenkrad fest und schaute oben aus dem Dach heraus – reger Betrieb am Schienenstrang, freundliche Atmosphäre zwischen den Menschen. Irgendwie schien ihm Solidarität in Schlangen okay…

Er hätte sein eigenes Gefühl der Zusammengehörigkeit allerdings gern nicht so weit gestreut, ihm wäre ein persönlicheres Ziel sehr viel angenehmer gewesen.

‚Man kann nicht alles haben…‘, dachte er resignierend und wandte sich ab, setzte sich auf den Fahrersitz und machte sich bereit, unverrichteter Dinge abzufahren…

Da tauchte neben seinem Wagen, über ihm im offenen Dach, ein Gesicht auf: Ihr Gesicht! Sie!

„Ich habe dich gesucht. Endlich habe ich dich gefunden. Weshalb stehst du denn so weit abseits?‘, fragte sie, und es läutete hellklingend Alarm in seinem Kopf.

Sie!

Sie!

Sie machte ohne Umschweife die Tür auf und setzte sich neben ihn auf den Beifahrersitz.

Sie schaute ihn an.

Er schaute sie an.

„Böll gelesen?“, fragte sie nach einer Weile.

Er glückte sie stumm an.

„Und sagte kein einziges Wort!“ ergänzte sie Ihre Böll-Frage.

Es stimmte. Er sagte kein einziges Wort. Konnte nicht. Alles, was er sich zurechtgedacht hatte, alles war weg. Kopfleere. Überwältigt vom Übermaß dieses Glücksgeschenkes.

„Wenn du willst, musst du mich nicht sofort nach Hause fahren. Ich habe heute kein Seminar mehr.“

Allmählich entrang sich ihm ein, wie er meinte, vollständiger Satz:

„Ich…“

„Ja, du. Du hast mir imponiert, wie du die Provokation meines Vaters hast an dir abprallen lassen. Keine Reaktion ist die beste Reaktion auf reaktionäre Reaktionäre.“

„Aber … ich … habe doch gar nichts…“

„Richtig. Nicht meckern, handeln! Also fahr los…“

Er zog brav den Starterzughebel zwischen den Sitzen hoch und berührte dabei zart ihre Hand.

Seine Stimme versagte, stattdessen nudelte der Motor ungewöhnlich lange herum.

‚Er wird doch nicht…?‘, fürchtete er. ‚Gerade jetzt!‘ —— aber dann sprang der Kleine lebhaft – und für seine Kapazität von 18 PS – kraftvoll an.

„Kannst erstmal zum See fahren. Beim Spazierengehen lernt man sich besser kennen…“

„Ja. — Gern.“

„Dein Kopf leuchtet rot wie der Punkt an der Scheibe. Ich nehme den Zettel mal ab. Einverstanden? Du genügst mir. Zurzeit. Da muss niemand anderes mehr mitfahren, weißt du?“

Er fuhr los. Am Rand der Haltestelle sah er seine Mutmacherin, die offenbar gewartet hatte, um sie sehen, wie seine Sache ausgehen würde. Sie reckte ihren Daumen steil in die Höhe als sie die beiden im Wagen sah und begleitete mit einem Armschwenk deren Weg, als der kleine Fiat 500 an ihr vorüber täckerte.

Sie hörte aus seinem Kofferradio Elvis, allmählich leiser werdend:

‚Love me tender, love me sweet
Never let me go
You have made my life complete
And I love you so

Love me tender, love me true
All my dreams fulfill
For my darling I love you
And I always will‘

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