Nikola Anne Mehlhorn: Politische Triage – Statement zur Coronakrise (Literatur lebendig halten 2020)

Literatur lebendig halten!

Eine Aktion der Mitglieder der Hamburger Autorenvereinigung anlässlich der Corona-Pandemie 2020

Autorenprofil Nikola Anne Mehlhorn: http://www.hh-av.de/mitglieder/nikola-anne-mehlhorn/

Politische Triage

Statement zur Coronakrise

  1. April 2020, von Nikola Anne Mehlhorn

Aderlass, in der Antike eine empfohlene Behandlungsmethode, wenn die vier Körpersäfte Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle aus dem Gleichgewicht geraten waren. Mit dieser Therapie wurde Schwerkranken von ihren Ärzten nicht selten der Todesstoß versetzt. Auch Quecksilber gegen Syphilis galt als medizinische Methode der Wahl, führte aber zum Tod durch Schwermetallvergiftung. Als Therapien gegen die Spanische Grippe wurden elektrische Lichtbäder, Chinin und Sauerstoffinhalationen empfohlen, doch die damit einhergehenden Nebenwirkungen begrenzten deren Wert.

Wirklich weiter scheinen wir heute nicht zu sein, gelten die derzeit in Deutschland ergriffenen Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie als die, welche in Zeiten der Spanischen Grippe im Jahr 1918 genauso verordnet worden waren: Verbieten von Großveranstaltungen, Mund-Nasen-Schutz, Quarantäne.

Die Restriktionen aus dem frühen 20. Jahrhundert und eine Pandemie mit etwa 50 Millionen Toten zum Vorbild zu nehmen, generiert kein Vertrauen in die hierzulande ergriffene Strategie zur Seuchenbekämpfung. Vielmehr erinnert sie an noch ältere, medizinisch-spirituelle Rituale wie Opferungen, resultierend aus dem Irrglauben, dass Opfergaben böse Mächte besänftigen – wobei die heutige Gabe unser Goldenes Kalb namens Wirtschaft ist.

Auch Verschwörungstheorien gab es zu Zeiten der Spanischen Grippe in vielen Facetten: US-Amerikaner sahen den Verzehr von deutschem Fisch als ursächlich für den Grippeausbruch, zogen schmutzige Pyjamas in Erwägung, den unvorsichtigen Umgang mit alten Büchern, auch kosmischer Einfluss wurde nicht ausgeschlossen.

Ebenso ist die Frage, die in unserer Gesellschaft zunehmend lauter gestellt wird, nicht neu: Was opfern wir dem Virus – weiterhin Geld oder doch Leben? Diese Frage müsste erweitert werden auf: Geld oder Leben oder Gesellschaft? Ähnlich einer Triage nicht auf medizinischer sondern politischer Ebene – wer entscheidet über die Vernichtung der Lebensgrundlagen der jüngeren Generation, wer richtet über die Rechtmäßigkeit der ergriffenen Pandemiemaßnahmen? Vergessen tun wir im erbitterten Frontalkampf, dass eines das andere bedingt, Leben nur möglich ist in seiner Komplexität von Körper, Seele und Geist, übersetzt in unsere virengestresste Realität: Medizin, Soziales, Ökonomie.

Vernachlässigen wir kurzzeitig das eine, muss es rasch wieder gestärkt werden. So lautet meine Antwort auf die oben gestellte Frage: Geld oder Leben, ganz klar: Geld und Leben und Gesellschaft.

Um Lösungen zu finden, die eine politische Triage ersparen, möchte ich einen Prozess der Transdisziplinären Forschung starten, der wirkt, wenn lebensweltliche Probleme existieren, das vorhandene Wissen unsicher ist und für die Betroffenen viel auf dem Spiel steht – wie in unserer aktuellen Situation, die Gesundheit und Zukunft großer Bevölkerungsgruppen massiv bedroht.

Erste Phase im transdisziplinären Forschungsprinzip, Problemidentifikation:

Wir erleben, wie die Coronaseuche in Senioreneinrichtungen einbricht, die Pandemiemaßnahmen Alte und Kranke vereinsamen lässt, Kinder dysfunktionalen Familien ausliefern, Menschen ihrer Existenzgrundlagen berauben, die Seuche verschleppen, weitere Infektionswellen riskieren, eine globale Rezession generieren, wie die Bundesländer sich in einer Art lemminghaften Eigendynamik mit der Anordnung willkürlicher Maßnahmen überbieten, die teils als nicht gesetzeskonform bezeichnet werden können.

Wie bereits erwähnt, handelt es sich bei den in Deutschland ergriffenen Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung um obsolete Mittel – die Welt im 21. Jahrhundert ist eine andere als zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ein inakzeptabler Zustand, wäre doch dieser Pandemie mit einer modernen Strategie gut zu begegnen, wie wir am Beispiel anderer Länder sehen.

Zweite Phase des transdisziplinären Forschungsprinzips, Problembearbeitung:

Vergleichen wir die Länder, die effektive Strategien gegen die Pandemie gewählt haben: Taiwan, Südkorea oder auch Schweden.

Ausgehend von der SARS-Epidemie 2004 schuf Taiwan eine zentrale Einrichtung zur Steuerung der Reaktion auf einen erneuten Krankheitsausbruch. Unmittelbar nach Meldung der vermuteten Corona-Epidemie an die WHO, begannen die taiwanesischen Behörden mit Fiebermessungen und Befragungen aller Flugreisenden aus der Volksrepublik China. Das Gremium beschloss weiterhin 124 Einzelmaßnahmen, von der Regelung der Quarantäne, der proaktiven Suche nach Infizierten, Regelungen für Schulen und Bildungseinrichtungen sowie der Kontrolle von See- und Luftgrenzen. Die Produktion von Schutzmasken wurde unter Heranziehung von Soldaten gesteigert. Taiwan fasste Reise- und Kranken- sowie Sozialversicherungsdaten zusammen, um die Gefährdung von individuellen Personen zu errechnen. Aufgrund dieser Daten wurde ein Echtzeitalarm an die betreffenden Personen per Mobilfunk verschickt. Dieser ermöglichte erst die Einreise. Bei Verdachtsfällen aufgrund der Reisedaten wurden die betreffenden Personen unverzüglich für die Dauer der Inkubationszeit in häusliche Quarantäne gesetzt. Die Einhaltung der Quarantäne wurde über dasselbe Programm überwacht. Anfang März 2020 zeigte sich, dass die Eindämmung des SARS-CoV-2 in Taiwan mit diesen Maßnahmen überaus erfolgreich verlief.

Südkorea arbeitet mit Tracking-Apps und Webseiten, die vor Orten warnen, an denen sich Infizierte nachweislich aufgehalten haben. Zur Eindämmung der Epidemie steigerten die Gesundheitsbehörden die Testkapazität des Landes von rund 200 (Januar 2020) bis auf täglich 400.000 (April 2020) Menschen. Das Ziel des Massentestprogramms ist die Unterbrechung der Infektionsketten durch Isolierung aller Überträger inklusive der beschwerdefreien Patienten.

Schweden hingegen wählt einen liberalen Weg. Deren bewusst in Kauf genommene Infizierung unter striktem Schutz von Risikogruppen wäre meine europäische Lösung der Wahl gewesen. Aber auch das Nutzen digitaler und technischer Instrumente wie Apps und multiplen Testungen wären in Europa adäquate Mittel, um der Seuche Herr zu werden.

Dritte Phase des beschriebenen Forschungsprinzips, abschließende Integration:

Plan der Möglichkeiten, den ich als Angehörige einer Kunstgattung, die aus Transdisziplinarität besteht, formulieren möchte:

  1. Mehr Mut zu innovativen Lösungen! Massenhaft testen, um repräsentativen Schnitt der Infizierten und Infektionswege zu erhalten. Verwendung von digitalen Angeboten wie Tracking-Apps, selbstverständlich konform mit der DSGVO – aber ohne Angst vor der digitalen Skepsis der deutschen Bevölkerung. Interdisziplinär aufgestellt sein, um den besten Weg durch die Krise zu finden, denn: Auch Virologen können irren, und medizinischer Irrglaube hat – wie eingangs erwähnt – schon erstaunliche Schäden angerichtet.
  1. Intensivierter Schutz der (Hoch-) Risikogruppen. Den Fokus endlich auf den individuell gestalteten Schutz der Gefährdeten richten, und zwar unter physischen und psychischen Aspekten. Bedeutet, dass auch getestete Angehörige Zutritt zu ihren älteren oder kranken Familienmitgliedern erhalten, die Kapazitäten im Gesundheits- und Pflegesektor so ausgebaut werden, dass eine tägliche Testung der Pflegekräfte und würdige Behandlung der Risikogruppen realisierbar ist. Besuchsverbote auszusprechen schützt – wie wir tragischerweise erleben – nicht vor einer Covid-19-Infektion und schädigt die Gefährdeten zudem psychisch.

Darüber hinaus sollte ein (Selbst-) Schutz der übrigen Risikogruppen durch Freistellung/ Homeoffice im Job, getestete Kümmerer, die Menschen in ihren eigenen Wohnungen intensiv betreuen, stattfinden.

Den Gegnern dieser Vorschläge, die argumentieren: Risikopatient*innen sind in allen Berufs- und Altersgruppen vertreten, wie soll das funktionieren, entgegne ich: Der landesweite Shutdown wurde entgegen jeder Wahrscheinlichkeit durchgeführt – Schulschließungen, landesweites Homeofficing, Gesetzesänderungen in Windeseile gab es in der Form noch nie. So wird doch ein partieller Shutdown für die Risikogruppen zu realisieren sein!

Die Finanzierung der genannten Maßnahmen kann jedoch nur eine starke Wirtschaft leisten. Daher halte ich das derzeit herrschende Gießkannenprinzip des großen Shutdowns für falsch verstandene Solidarität: Es schadet allen Generationen und Bevölkerungsgruppen gleichermaßen – den älteren gesundheitlich, denn jüngeren ökonomisch und allen unter sozialen Aspekten. Wie ungerecht ist die gleiche Behandlung Ungleicher!

Eine Differenzierung nach Alter und Gesundheitszustand wäre logisch. Sie entspräche der klassischen Strategie der Seuchenbekämpfung: Gefährder und besonders Gefährdete voneinander zu separieren – um alle anderen zu schützen. Das sieht das geltende Infektionsschutzgesetz vor und auch das Grundgesetz steht dem nicht prinzipiell entgegen. So gab es schon Aufrufe mehrerer Prominenter der älteren Generation: „Wir bleiben zu Hause, damit die Jüngeren wieder arbeiten gehen können!“ Das wäre solidarische Logik, Generationengerechtigkeit. Denn Fazit der bisherigen Strategie: Alten und Vorerkrankten nützt es nichts, wenn alle eingeschränkt werden, im Gegenteil, sie vereinsamen und die Seuche dringt dennoch bis zu ihnen vor.

  1. Aufbau einer Herdenimmunität! Ihr sollte eine sorgfältige Risikostratifizierung zugrunde liegen. Die Herdenimmunität würde dauerhaften Schutz der Bevölkerung und auch der Risikogruppen bedeuten. Ein erstrebenswertes Ziel, das jedoch nicht fix gesetzt werden kann, da gegenwärtig noch keine gesicherten Erkenntnisse über eine langfristige Immunität nach überwundener Covid-19-Infektion bestehen. Andererseits existiert der Nachweis von Antikörpern bei Genesenen – deshalb können wir davon ausgehen, dass Covid-19 wie auch andere Virusinfektionen eine Immunität erzeugt. Sollte eine nachhaltige Immunisierung widerlegt werden, wäre die Theorie der Herdenimmunität hinfällig.
  1. Wirtschaft stabilisieren! Und zwar durch Ermöglichung von Konsum, nicht vorrangig durch Kreditaufnahmen in extremer Höhe, so dass eine Durchseuchung der Bevölkerung stattfinden kann und das Land ökonomisch stark genug ist, um den Ausbau des Pflegesektors, medizinische Forschung und partiellen Shutdown finanzieren zu können.

Dem derzeit schnell geäußerten Vorwurf, ökonomische über gesundheitliche Belage zu stellen, erwidere ich: Was zählt eine überstandene Pandemie, wenn das Leben danach langfristig von einer globalen Rezession mit all ihren Konsequenzen geprägt ist? Nicht Medizin oder Wirtschaft sollten den Kurs in dieser Pandemie vorgeben, sondern beide.

  1. Demokratisch-freiheitliche Grundrechte wiederherstellen! “Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hatte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ (aus Franz Kafka: Der Prozeß) Kafkaesk! Ein besseres Wort passt nicht für das Vorgehen der Bundesregierung, die – erneut seit 1933 – Gesetze leise und schnell ändert, sich zum „übermächtigen Staat“ entwickelt, Denunziantentum fördert, jegliche Form der Opposition im Keim unterdrückt. Die Verletzung der Grundrechte hat zu einem massiven Vertrauensverlust in den Staat geführt, der in welcher Form wieder ausgeglichen werden kann? Antworten erwünscht!
  1. Keine Zahlenspielchen im Stille-Post-Modus mehr! Stattdessen eine Studie, die stichprobenartig eine Bevölkerungsgruppe von bspw. 10.000 Probanden testet, und daraus einen repräsentativen Schnitt errechnet. Bis dahin die Zahl der Infizierten in Relation zu den Toten zu setzen und daraus eine Mortalilitätsrate zu errechnen, bleibt sinnlos, da die Dunkelziffer der Infizierten zu hoch ist. Solange dieser repräsentative Schnitt nicht vorliegt, können auch Zahlen der Übersterblichkeit hinterfragt werden, die in Ländern wie Belgien, Italien oder Spanien durchaus gravierend sind.

Sollte kein Strategiewechsel in der hiesigen Pandemiebekämpfung vollzogen werden, der auf eine Modernisierung der Maßnahmen und den intensiven Schutz der Risikogruppen abzielt, dürfte der Umgang mit der Coronakrise als historischer Fehler in die deutschen Annalen eingehen. Es kann prognostiziert werden, dass auf Grund der inkonsequenten Verschleppungstaktik der Bundesregierung eine zweite schwere Infektionswelle Deutschland spätestens im Winter 2020 treffen sowie das daraus folgende Dauerszenario aus Restriktionen und Lockerungen schwerste Rezession und irreparablen Vertrauensverlust in den Staat bewirken wird – mit der Konsequenz, dass nach der misslungenen politischen Triage ein dunkles Trio aus sozialer, gesundheitlicher und ökonomischer Instabilität für lange Zeit prägende Herrscher unseres Landes wären.

Nikola Anne Mehlhorn, vielfach ausgezeichnete Autorin, u. a. Hebbelpreis, Hamburger Literaturförderpreis, Stipendien in New York und Berlin; Mitglied der Universität Hamburg und des PEN-International.

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