Heike Hartmann-Heesch: Marienkäfer können fliegen (Literatur lebendig halten 2020)

Literatur lebendig halten!

Eine Aktion der Mitglieder der Hamburger Autorenvereinigung anlässlich der Corona-Pandemie 2020

Autorenprofil Heike Hartman-Heesch: http://www.hh-av.de/mitglieder/heike-suzanne-hartmann-heesch/

Marienkäfer können fliegen

So ist das

Es ist Mai.
Schreibst du über uns?, fragst du.

Kontrolle

Ich höre nicht, was du zwischen den Zeilen fragst. Ich will nicht hören, was du zwischen den Zeilen sagst. Ich blicke dich nicht mehr an, wenn du mit mir sprichst, um nicht zu sehen, was du zwischen den Zeilen sagst. Erinnerst du dich?

Anbeginn

Ich erinnere mich.
Wir haben uns angesprochen.
Wir haben geredet, daher- und drauflos, wir haben schwadroniert, geplappert, dummes Zeug und kariert geredet. Manchmal haben wir ohne Punkt und Komma und wie ein Buch geredet, wie ein Wasserfall vielleicht manchmal auch. Wir haben geflötet und gesäuselt und mit Worten liebkost. Weißt du noch?

Töne

Wir haben uns zugehört, waren ganz Ohr. Wir haben uns angehört und hingehört. Wir haben empfangen und erfahren. Wir haben verstanden und uns erfasst. Nur gesungen haben wir nicht, wir haben nicht gesungen. Hörst du?

nestig

Hörst du die Amseln?, fragst du. Es ist Mai und wie jedes Jahr baut das Amselpärchen sein Nest in unserer kleinen Kastanie im Vorgarten.
Die wissen, wo sie hingehören, sage ich.

Vorahnung

Wir haben gemauschelt. Wir haben getönt, geschwafelt, gefaselt, gestammelt und gelallt. Wir haben gegen Wände und uns den Mund fusselig geredet. Manchmal haben wir kein Blatt vor den Mund genommen. Manchmal haben wir herumgedruckst, uns gewunden und um den heißen Brei herum geredet. Manchmal haben wir kein Wort herausbekommen, manchmal ein Machtwort gesprochen. Und manchmal waren wir nicht gut auf einander und noch weniger gut auf uns zu sprechen. Und gesungen haben wir nicht, wir haben nicht gesungen.
Mörder kommen immer aus dem Herzen.

Königintod

Da ist eine Ameisenstraße auf der Terrasse, sagst du.
Meine Oma hat immer Backpulver genommen, sage ich.
Und?, fragst du.
Man kippt es in die Löcher und gießt etwas Wasser hinterher, antworte ich, und hofft, dass es die Königin erwischt. Stirbt die Königin, sage ich, stirbt auch das Volk.

Schnee

Wir haben das Gras wachsen hören. Es ist Mai und es schneit Zierkirschbaumblüten, wie verrückt schneit es Zierkirschbaumblüten; der Rasen im Vorgarten ist mit einem rosafarbenen Teppich bedeckt. Die Amseln haben ihr Zuhause wiedergefunden, die Ameisen sind tot. Der Nebelmond ist längst untergegangen. Verstehst du, was ich zwischen den Zeilen sage?

Lachen

Du stehst am Fenster und beobachtest die Amseln beim Nestbau. Ungeschickt stößt du mit der Hand gegen den Kaffeebecher auf der Fensterbank. Der Becher schlägt gegen die Fensterumrandung und zerbricht, der Milchkaffee bildet eine Lache auf der Fensterbank und läuft wie in Zeitlupe an der Innenwand hinunter. Er tropft nicht, er schwappt und läuft und färbt die Wand von der Fensterbank bis zum Fußboden milchkaffeebraun. Auf dem Fußboden auch eine Lache.
Oh weh, sagst du.
Ist doch nur Kaffee, sage ich, es ist doch nur Kaffee.
Du holst Eimer und Lappen und feudelst die Lachen weg.
Wie gut, dass wir abwaschbare Tapete haben, sagst du, wie gut.
Du entsorgst die Scherben, dann gehst du in den Laden und kaufst einen neuen Kaffeebecher.
Alles wieder gut, sagst du endlich. Alle Spuren beseitigt.
Ja, wieder gut, sage ich. Aber es war doch nur Kaffee.

Explosionen

Wir haben gezankt. Wir haben uns gerieben und gehadert und gefochten. Wir haben uns angelegt.

Kreuzungen

Und wir haben uns verlaufen. Irgendwo auf unserem Weg haben wir uns verlaufen; unsere Duftmarken nicht wiedererkannt und die Orientierung verloren.

Zerfall

Dann schweigen wir still. Wir verstummen. Wir übergehen. Wir verlieren kein Wort. Wir verlieren die Worte.

Nach dem Sturm

sitzt du am Küchentisch, die Hände auf der Tischplatte. Die Küchenuhr tickt und du schaust der Zeit beim Davonlaufen zu.

Diebstahl

Nachts träume ich, dass mein Textverarbeitungsprogramm von einem Virus befallen wird: Vom oberen linken Bildschirmrand springt ein kleines Männchen mit einem Sack auf dem Rücken in meinen Text, durchkämmt Zeile für Zeile, pickt alle Wörter „ich“ und „du“ heraus und sammelt diese in seinem Sack. Dieser wird dicker und schwerer und am Ende der letzten Zeile ächzt das Männchen, hebt die Hand, wischt sich über die Stirn, winkt dann zum Gruß und verschwindet am unteren rechten Bildschirmrand.
So leer ohne uns.

einsam

Mörder kommen immer aus dem Herzen; und gesungen haben wir niemals.

nachhaltig

Auch das Ticken der Küchenuhr verfolgt mich im Schlaf. Als es unerträglich wird, erwache ich. Ich stehe auf, nehme die Uhr von der Wand und schmeiße sie mitten in der Nacht in den Müllcontainer draußen. Die Batterien bewahre ich auf. Endlich steht die Zeit still.

De Freesenclock löpt anners rum

Ich habe ein schlechtes Gewissen wegen der Uhr und ersteigere bei ebay eine Friesenuhr. So eine mit spiegelverkehrtem Ziffernblatt. 12 oben, 6 unten, aber statt der 1 rechts von der 12 die 11, statt der 2 die 10, statt der 3 die 9 und so weiter. Auch die Zeiger laufen entgegen dem eigentlichen Uhrzeigersinn.
Für dich, sage ich zu dir, nachdem die Sendung eingetroffen ist, ich die alten Batterien vorgekramt und die Uhr an der alten Stelle in der Küche wieder an die Wand gehängt habe.
Jetzt kannst du die Zeit rückwärts angucken, sage ich.

verlogen

Aus dem Herzen eine Mördergrube machen. Ohne Lieder.

frei

Guck mal, eine Spinne, sage ich, und zeige mit dem Finger Richtung Fensterbank. Dort hängt sie an ihrem Faden. Ich fange sie mit einem gebrauchten Taschentuch ein und zerknülle es.
Guck mal, sage ich, da ist auch noch ein Marienkäfer auf dem Fußboden. Du nimmst eine Ansichtskarte, lässt den Marienkäfer draufkrabbeln, öffnest das Fenster und schmeißt ihn in den Vorgarten.
Der war schwarz mit roten Punkten, sagst du. Verstehst du?

Das Ende vom Lied

So ist das nun mal, im Mai, so ist das. Es regnet Zierkirschbaumblüten, Amseln nisten und Königinnen sterben. Sprache verliert sich zwischen den Zeilen, Sätze zerfallen, ein kleines Männchen klaut Personalpronomen und gesungen haben wir eh nie. So ist das: Spuren sind verwischt, Uhren laufen anders rum und Marienkäfer können fliegen.

erschienen in „Möwen hatte ich doch gemeint“, © Wiesenburg Verlag 2017

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