Birgit Rabisch: Bei Licht betrachtet (Literatur lebendig halten 2020)

Literatur lebendig halten!

Eine Aktion der Mitglieder der Hamburger Autorenvereinigung anlässlich der Corona-Pandemie 2020

Autorenprofil Birgit Rabisch: http://www.hh-av.de/mitglieder/rabisch-birgit/

Bei Licht betrachtet

Ich liege im Bett und schaue durchs Fenster in das verheißungsvolle Licht eines Frühlingsmorgens. Was verheißt es?, frage ich mich, doch bevor mir eine Antwort in den Sinn kommt, schaltet sich der Radiowecker ein:

Der Frühling wird in der Dichtung auch Lenz genannt, das kommt vom mittelhochdeutschen Lenze, althochdeutschen Lenzo, belehrt mich der Moderator des Qualitätshörfunks. Ich wechsele den Sender.  Die 7-Tage-Körner-Kur verjagt die Müdigkeit und macht euch frühjahrsfit!, tönt EuerFreddieboy im Privatsender superdupergutgelaunt. Müde wovon, fit wozu?, frage ich mich. Düdeldüdeldumm. Keine Zeit für tiefschürfende Fragen. Spring is in the air! Frühlingszeit – Zeit, die Fenster zu putzen!, jubelt eine Frauenstimme. Nur mit Glasrein zum streifenfreien Glück! Mikrofasertuch gratis! Jingelingeling.

Frühling gleich Fensterputzen? Ach nee, nicht wirklich. Dann noch lieber lenze mittelhochdeutsch. Zapp! Return to Sender mit Niveau. Der öffentlich-rechtliche Moderator hat die sprachliche Herkunft des Frühlings schon abgehakt, empfiehlt seinen geneigten Hörerinnen und Hörern jetzt eine Ausstellung in Hamburg: Niki de Saint Phalle und ihre Nanas. Diese wunderbaren, grellbunten, prallbrüstigen, breithüftigen Frauenfiguren! Da müssen Sie hin! Die Stimme belebt sich, von tranig zu Tremolo und zurück zu tranig. Es folgen die Verkehrsnachrichten. Doch ich bin schon elektrisiert. Da muss ich hin! Ich habe die Nanas bisher nur auf Bildern angestaunt und jetzt sind sie leibhaftig hier, hier in Hamburg, meiner Vaterstadt, nein meiner Mutter Stadt, denn mein Vater kam von weit, weit her, out of Africa.

Wir gehen in eine Ausstellung, verkünde ich dem Liebsten an meiner Seite, der sich von mir wegdreht.

Ach nö! Lass chillen!

Nix chillen. Arsch hoch! Du wirst begeistert sein. Du schwärmst doch für Rubensfiguren.

Nur auf der Leinwand, Mahila. In echt schwärm ich für Gazellen wie dich.

Klaas greift nach mir, doch die Gazelle springt mit einem eleganten Satz davon, schlägt sich in die Büsche. Im Badezimmer bürste ich mein buschiges Haar, bürste aber nicht glatt, was die Natur gekraust hat.

Ich bin fertig, rufe ich. Wir können los!

Will ich wirklich?, fragt Klaas.

Du willst!

Durch eine mannshohe, mit rotem Samt ausgekleidete Vagina gehen wir auf die Ausstellungsräume zu. Klaas fasziniert das Rotlichtmilieu. Natürlich muss er die Wand des langen Tunnels betasten.

Und?

Wie schon. Samtweich. Aber kalt.

Gleich ergeht er sich über Möglichkeiten, den Tunnel zu erwärmen. Heizspiralen, Warmwasserschläuche, nein besser noch Heißluftkissen … Auf Körpertemperatur, weißt du? Wie im richtigen Leben.

Dies ist Kunst, Klaas! Keine möglichst perfekte Nachbildung der Realität. Du gehst jetzt nicht durch eine Supermuschi heim in Mamas Bauch!

Schade.

Ich werfe ihm einen Oh-Männer!-Blick zu. Er antwortet mit einem Aber-lieb-sind-wir-doch-Lächeln. Wir betreten die  Ausstellungshalle, riesinnengroß, oval, bevölkert von unzähligen Nanas. Klein, mittel, groß, überlebensgroß ziehen sie uns an oder halten uns auf Abstand. Begeistert (ich), Ja-doch-hat-was (er) ergehen wir uns in dieser urweiblichen Welt. Die buntbesprühten Styroporfrauen wirken lebendiger als mancher hanseatische Besucher, bringen mediterrane Hochgefühle in die norddeutsche Tiefebene.

Ihrer Schöpferin haben sie den frühen Tod gebracht, erzähle ich Klaas. Nanoteile der Nanas, freigesetzt beim Sägen des Styropors, zerfraßen ihre Lungen.

Sprühfarbe ist auch nicht ungiftig!

Was auch immer genau: Es war ihre Kunst, die sie umgebracht hat.

Und das imponiert dir? Würdest du dein Leben der Kunst opfern?

Nö, glaub nich.

Dann verschwende hier nicht länger deine kostbare Lebenszeit! Draußen ist Frühling!

Frühling? Du meinst streifenfreies Glück?

Häh?

Vergiss es!

Wir verlassen den Kunstraum, sehen Licht am Ende des Tunnels, der rote Samt schon abgegriffen von aller Herren Hände. Und draußen, ja, draußen ist Frühling. Der liebe Mai hat die Bäume grün gemacht und lässt den weißen Flieder wieder blühen. Wir spazieren zum Elbstrand, am Elbstrand entlang, engumschlungen, wie frisch verliebt. Und sind doch schon ein eingespieltes Liebespaar, teilen seit drei Jahren Tisch und Bett und Bad und Klo. Aber eben: Frühling! Vom Eise befreit sind nicht nur Strom und Bäche, sondern auch Herz und Bäuche. Plötzlich geht neben mir nicht mehr Klaas, der Morgenmuffel und Barthaar-auf-der-Spiegelkonsole-im-Bad-Hinterlasser. Das Licht des Alltags wird überstrahlt vom Licht dieses Frühlingstages. Neben mir geht Klaas, die Lichtgestalt, mein Lebensglück, mein Lustobjekt. Wie er mich anschaut! Wie ein Lustsubjekt. Es ist alles ganz einfach.

Bis es wieder kompliziert wird.

Birgit Rabisch
Bei Licht betrachtet veröffentlicht in *innen – Frauengeschichten, VHV-Verlag, Berlin 2019

https://innen.vhv-verlag.de/ und in: Hummeln im Mors, telegonos-publishing, Hamburg 2018
Hg.: Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Landesverband Hamburg https://www.telegonos.de/anthologie.htm

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