Nachruf auf Günter Kunert

von Gino Leineweber

Es war immer meine Aufgabe, Günter Kunert zu einer Veranstaltung, zu einer Lesung zu überreden. Ich war Vorsitzender der Hamburger Autorenvereinigung und lockte ihn aus seinem Haus in Kaisborstel in der Nähe von Itzehoe nach Hamburg. In den letzten Jahren geschah das seltener und hörte schließlich ganz auf. Selbst zu seinem 90. Geburtstag konnte ich ihn nicht mehr überreden. Und ehrlich gesagt, ich habe es auch nicht richtig versucht. Gerade ihm wollte ich nichts zumuten. Damit meine ich seinen Gesundheitszustand in den letzten Jahren, der ihn mehrfach ins Krankenhaus zwang. Er stellte es ohne Bedauern fest: „Die Kräfte lassen nach, mit denen der Alltag gemeistert werden muss.“

Seit meinem ersten Besuch in seinem Haus, das einmal eine Schule war, im Jahre 2003 haben wir uns immer wieder getroffen. Wir haben gemeinsame Leseabende veranstaltet, aber ich hatte auch immer wieder Gelegenheit ihn im persönlichen Gespräch näher kennenzulernen und damit einen unschätzbaren Einblick in die Person des Autors und sein Werk zu gewinnen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Alles hat seine Zeit. Die Zeiten der Feiern nach den Lesungen waren irgendwann vorbei. Noch zu seinem 75. Geburtstag wirkte er jugendlich kraftvoll und mit seiner ersten Frau, Marianne, machten wir im Logensaal der Hamburger Kammerspiele nach der Lesung noch eine kleine Party. Doch kurz darauf begann sich seine Frau nicht mehr so gut zu erinnern, wurde schließlich pflegebedürftig und verstarb. Das hat ihn sichtlich mitgenommen, aber er hatte damals und auch später seinen Humor nicht verloren: „Sie hat aufgehört zu rauchen,“ sagte er mir. Seine Frau war eine starke Raucherin. „Tatsächlich,“ fragte ich, „wie hat sie das geschafft?“ „Na ja,“ erklärte er mir, „sie kauft sich zwar noch Zigaretten. Die Schublade da oben,“ dabei er zeigte er schmunzelnd zu den Schubladen eines kleinen Schranks, „ist voll davon. Sie vergisst aber einfach, sie zu rauchen.“

Das war eines der Dinge, die ich an ihm bewunderte. Er hatte einen feinen Humor und bereicherte jedes Gespräch, in dem er ihm eine Wendung gab, die zu einer leichteren Betrachtung und unverbindlicheren Bewertung führte. Er war ein Genie darin und das zeigte sich auch in seiner Arbeit. Besonders in seinen Gedichten, die ich sehr liebe. Ich habe ihn für einen der größten lebenden Dichter Deutschlands gehalten. Aber nun ist er tot. Und im Dichterparadies wird er von den anderen großen deutschen Dichtern sicherlich herzlich willkommen geheißen worden sein. Hoffentlich bleibt er nicht allzu lange dort. Denn, wie er in seinem Gedicht Wie ich ein Fisch wurde, schrieb: „Weil das Menschsein sich so leicht vergißt“

Ich bin selbst ein Dichter. Bei Kunerts Gedichten frage ich mich nicht: Wieso, ist dir das denn nicht eingefallen? Es würde mir nichts nützen. Ich hätte es nicht so schreiben können. Günter Kunert beschreibt das Leben, wie es ist. Eine Bewegung mit Wahrnehmungen und Reflektionen und lässt mich sein Mitwisser sein. 

Er hat wieder geheiratet und das war ein großes Glück für ihn. Es war sehr angenehm, mit ihm und seiner zweiten Frau, Erika, zusammen zu sein und zu reden. Das war, als er nicht mehr so gern „aus dem Haus ging“ wie er sagte. Einige Male habe ich es dennoch geschafft, ihn zu Lesungen zu bewegen. Später allerdings gab es ein treffendes Argument von ihm dagegen: „Wenn ich heute ja sage, weiß ich nicht, wie es mir an dem Abend geht, an dem ich lesen soll.“

Das war verständlich. Da konnte man nicht viel einwenden. Es war aber schade, denn er war auch ein sehr guter Vorleser und als ich versuchte, ihn zu überreden, er müsse ja nicht selbst lesen, wenn das zu anstrengend für ihn wäre, meinte er: „Nein, das ist keine Anstrengung.“

Günter Kunert wurde 1929 in Berlin geboren. Mit 21 Jahren erschien sein erster Gedichtband Wegschilder und Mauerinschriften. Er wurde von Johannes R. Becher gefördert, orientierte sich an Bertolt Brecht, den er kurz darauf kennengelernt hatte, und wurde zu einem der vielseitigsten und meistgelesenen Autoren in der DDR. 1976 gehörte er zu den Erstunterzeichnern des Protestbriefes von DDR-Autoren gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann. Daraufhin wurde er 1977 aus der SED, der er im Jahre 1948 beigetreten war, ausgeschlossen. Zwei Jahre später verließ er die DDR und lebte seitdem in Kaisborstel. 

Sein Werk umfasst Lyrik, Erzählungen, Märchen und Kinderbücher ebenso wie Reisebeschreibungen, Essays, Fotosatiren und eigene Illustrationen. Auch Hörspiele sowie Film- und Fernsehdrehbücher.

Während der Nazizeit blieben ihm wegen seiner jüdischen Mutter weiterführende Schulen verschlossen. Er sprach deshalb von einer „staatlich verpfuschten Kindheit“, in der er sich allerdings eine Nische eingerichtet hatte. Im Alter von 11/12 Jahren, so erzählte er es mir einmal, habe er weit über zweihundert Fehltage in der Schule gehabt, weil er sonst nicht alle Bücher hätte lesen können, die sich in seinem Elternhaus in einem eigens dafür gebauten Regal auf dem Flur stapelten. 

Ihn hat das Leben in zwei totalitären Staaten hellhörig gemacht, und das hat, wie er selbst sagte, seinem Schreiben genutzt. Auch nach der Wiedervereinigung blieb er hellhörig: Anfang 1992 kündigte er aus Protest gegen die von Walter Jens betriebene En-bloc-Übernahme der ostdeutschen Akademiemitglieder seine Mitgliedschaft in der Westberliner Akademie der Künste. 1996 verließ er aus ähnlichen Gründen das deutsche West-PEN-Zentrum. Mehrfach wandte er sich gegen eine Schließung der Stasi-Akten. Er selbst fand sich dort als Operativer Vorgang „Zyniker“ verzeichnet. Er war, wie ich, Mitglied des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland, dem früheren deutschen Exil-PEN und bis 2018 dessen Präsident. Nachdem er das Amt aufgegeben hatte, wurde er von den Mitgliedern zum Ehrenpräsidenten ernannt.

Wir trafen uns somit in zwei verschiedenen literarischen Gesellschaften, dem Exil-PEN und der Hamburger Autorenvereinigung, und waren uns gegenseitig Präsident bzw. Vorsitzender, was in einigen Gesprächen zu der humorvollen Frage führte, als was wir gerade sprechen würden.  

Günter Kunert war einer der wortgewaltigsten Schriftsteller Deutschlands. Egal ob Lyrik oder Prosa. Es gelang ihm immer mit wenigen Worten größtmöglichen Effekt zu erzielen. Beispielsweise in der Erzählung Der Hai, und das nicht wegen meiner Hai-Phobie, sondern wegen der Ausweglosigkeit, die er dort schilderte. Es ist die Geschichte eines Schiffbrüchigen, in der der unaufgeklärte Tod eines mitschwimmenden Kameraden zur unerträglichen Last wird, die eine Weiterexistenz des Geretteten unmöglich macht. 

Zu einer Veranstaltung anlässlich seines 80. Geburtstages habe ich gesagt, das sei ein schönes Alter, besonders, wenn man so wortgewaltig ist und so produktiv bleibt, wie er. Dann sei das ein Segen nicht nur für ihn, sondern für uns alle. 

Dass Günter Kunert souverän mit der Alters-Phase des Schreibens umzugehen verstand, hat er nicht zuletzt in seinem Buch Der alte Mann spricht mit seiner Seele gezeigt. Zu diesem Buch aus dem Jahre 2006 gibt es eine Widmung an seine Frau, die typisch für ihn ist. Lapidar heißt es: „Ein alter G. für eine alte M. zum 54. Jahr“  

DER ALTE MANN

wendet sich der Vergangenheit zu.
Bereit bin ich zum Resümee. Kontobuch
aufschlagen. Was habe ich
gewonnen! Dies und Das und 
dies und das nicht. Erst
Morgenröte, dann toter
als Goethe. Fazit: Untaten
sind der Welt Lohn. Wußte ich
eigentlich immer schon.

Diese Gespräche sind humorvoll, lustig, ironisch, melancholisch, fatalistisch, ungläubig oder von allem ein bisschen zusammen. In dieser Phase gibt es nicht mehr viel, was einen wundert. Außer vielleicht, dass man alt ist, und so kam er zu der illusionslosen Schlussfolgerung über sein Werk: „Am Anfang war das Wort, am Ende – das Antiquariat“. 

Günter Kunert war literarisch immer sehr produktiv. Nun ist er, 90 Jahre alt, gestorben. Wie er mit seinem Leben umzugehen wusste, zeigte er uns in seinen Büchern, in denen Erinnerungen mit Sehnsüchten und Träumen in einen Schwebezustand gebracht werden, in denen sich Protest und Einverständnis mit dem Unabwendbaren die Waage halten. 

Für mich war Günter Kunert nicht nur ein besonders liebenswerter Mensch, sondern gehörte zur absoluten Spitze Deutscher Autoren. Egal ob Lyrik oder Prosa, es war mir immer ein Genuss, seine Bücher zu lesen. 

Hamburg, im Oktober 2019

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