Neujahrsempfang der Hamburger Autorenvereinigung

IMG_3226(von links: Dr. Dana Horakova, Arno Surminski, Honorarkonsulin Eva-Maria Greve, Vorsitzende der HAV Sabine Witt, Pressesprecher der HAV Peter Schmidt)

Heute fand im Marmorsaal des Hamburger Schauspielhauses der traditionelle Neujahrsempfang der Hamburger Autorenvereinigung statt. Ca. 60 geladene Gäste lauschten der Rede unseres Ehrengastes, Dr. Dana Horakova, die über die Charta 77 sprach. Lesen Sie hier diese Rede nach.

„Frau Vorsitzende Witt, Frau Honorarkonsulin Greve, lieber Herr Schmidt, liebe Freunde der Literatur …
Vor 40 Jahren ist in Prag ein Text entstanden. 2 Manu-Seiten, die einen Prozess ausgelöst haben, der mit dem Sturz des kom. Regimes endete. Die Charta 77 – sie hat den Weg des Ostblocks zurück zur Demokratie aufzeichnet – lange vor der Solidarnost, der Perestrojka, den Leipziger Demonstrationen mit der „Wir sind das Volk“-Parole.. die zum dem Fall der Mauer führten …
Das „Volk“ – das waren damals in Prag 242 Menschen die die Charta unterschrieben haben: Menschen mit dem unterschiedlichsten Background, Christen. Atheisten, Rock-Sänger, Kommunisten, Wissenschaftler, Sportler, Arbeiter, also eine offene heterogene Gemeinschaft von Gleichgesinnten, in der jeder mitmachen konnte, ohne seine Individualität aufgeben zu müssen. Es war eine Bürgerinitiative, die auf der moralischen Auflehnung jedes einzelnen beruhte. Und dennoch wirkte sie unerhört politisch und schaffte es, das zementierte System auf friedlichem Weg ins Wanken zu bringen. Wichtig: Es war kein Putsch. Die Chartisten – WIR – verfolgten primär keine parteipolitischen Ziele, sondern versuchten, mit der Diktatur in einen konstruktiven Dialog zu treten.
Was – rückblickend – aus zwei Gründen absurd wirkt, zumindest erstaunlich ist. Erstens die Tatsache, dass knapp ein Jahrzehnt zuvor, 1968, während des Prager Frühling der Glaube an einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ von brüderlichen Panzern überrollt wurde, zerschmetterte schließlich auch die Illusion, der Sozialismus wäre reformfähig. Man wusste nun: Kreml bleibt Kreml auf ewig. Zweitens: Der Schock löste die heftigsten Ohnmachtsgefühle aus. Es herrschte eine übermächtige, anhaltende Apathie. Dazu kommt, dass während der „Normalisierung“, die auf die Panzer folgte, über  400 Schriftsteller und Publizisten einen Schreibverbot erhielten.  Ihre Bücher wurden aus 
sämtlichen Bibliotheken entfernt und sie selber mussten ihren Lebensunterhalt als Heizer, Fensterputzer oder Lagerarbeiter bestreiten. Und DOCH waren es 1977 ausgerechnet Schriftsteller, eine Hand voll Schriftstellern, die das restliche „Volk“ mit ihrer Charta, mit ihrem Konzept einer UNOPLITISCHEN POLITIK mobilisieren.
Einer der CHARTISTEN war der Schriftsteller Ludvik Vaculik – ein Held des Prager Frühlings, der im Juni 1968 einen Text verfasste, der selbst Dubcek nach zu viel Demokratie roch, und der, so die Historiker später, das letzte „Tröpfchen“ gewesen ist, das den Unmut der Russen auf die „abtrünnigen“ Tschechen explodieren ließ. Vaculiks Manifest hieß: PRSTY!!! „2000 Worte – die an Arbeiter, Landwirte, Beamte, Künstler und alle gerichtet sind“, die noch nicht vergessen hatten, was Zivilcourage bedeutet /MEIN TRAUZEUGE.
Einer der Texter der Charta wird 12 Jahre später zum Protagonisten der Samtenen Revolution von 1989 und zu dem ersten nichtkommunistischen Staatspräsidenten des Ostblocks – Vaclav Havel. Wir waren Freunde.

Bleibt also die Frage: Wieso Schriftsteller? Wo bleiben die Profi-Politiker? Wieso mischen sie sich die Schreiberlinge ständig ein? Das ist in Böhmen Tradition. Die Schriftsteller sind in der böhmischen Geschichte schon immer als Ersatz-Politiker angetreten, weil sie ganz einfach an die Macht des Wortes glauben. Denn das Wort ist für sie mehr als ein FLATUS VOCI, ein fleischloser Lufthauch. Und auch das Schreiben ist für sie – folglich – mehr als ein Beruf, mehr als eine Berufung – es ist ein MODUS VIVENDI. Schließlich beginnt jeder Revolution als ein Gedanke im Kopf eines Menschen. Kurz: In Böhmen waren und sind es immer wieder Worte, die zu fundamentalen Veränderungen der Regierungsmacht führen, ohne einen Bürgerkrieg vom Zaun brechen zu müssen.  WAS ZU BEWEISEN IST. Also gestatten Sie mir: kurze Zeitreise.

KAFKA
Es ist ein Prager, der zu Beginn der Moderne der Literatur folgenden Spruch auf den Weg gibt: „Ein Buch muss eine Axt sein für das gefrorene Meer in uns“. Genau, Franz Kafka. Weniger bekannt ist seine Warnung vor dem Dogmatismus: „Richtiges Auffassen einer Sache und Missverständnis der gleichen Sache schließen einander nicht vollständig aus … Man muss nicht alles für wahr halten, man muss es für notwendig halten“. Was Kafka bekanntlich am meisten beschäftigt, ist die Bedrohung des Individuums durch eine ALL-MACHT, die offenbar nicht zu fassen – dennoch als REAL erlebt wird, also real ist. Er war, könnte sogar sagen: ein ANARCHO-KONFORMIST, angetrieben von seiner Sorge um den Seelenzustand seiner Zeitgenossen.

HASEK
Ein halbes Jahr vor Kafka gestorben, im gleichen Jahr wie Kafka geboren wurde ein anderer Schriftsteller von Weltruhm – der Schöpfer des braven Soldaten Schwejk Jaroslav Hasek – ein Mann mit Chutzpe, List und Witz, der sich keineswegs  damit begnügte, die Wahlmethoden und Phrasen der damaligen Volksparteien satirisch zu kommentieren, sondern seine eigene politische Partei gründet: Die „Partei des maßvollen Fortschritts in den Grenzen des Gesetzes“: Mit seinen Wahlkampfreden wendet er sich an „vernünftige Staatsbürger, die sich dessen bewusst sind, dass jeder Radikalismus schadet und dass gesunder Fortschritt nur langsam und allmählich erreicht werden kann“. Er forderte u.a. den Verzicht auf Kneipenraufereien, die Verstaatlichung der Hausmeister und versprach jedem Wähler seiner Partei – ein Taschenaquarium.

MASARYK/KISCH
Auch das erste Staatsoberhaupt der 1918 neu entstandenen Tschechoslowakischen Republik, der Philosoph und Schriftsteller T.G. Masaryk, war ein resoluter, aber überaus höflicher Freidenker Er erschafft in seinem Land ein geistiges Klima, in dem u.a. der „rasende Reporter“ Egon Erwin Kisch ungehindert publizieren kann. Kisch war nicht nur ein Meister der literarischen Reportage, sondern vor allem ein politisch engagierter Weltbürger – also musste während der Nazi-Okkupation ins Exil.

CAPEK
Ein anderer von Masaryks Protegés war Karel Capek, dessen Werk sie alle vermutlich kennen, ohne es zu wissen, denn er war es, der in einem seiner utopischen Romanen das Wort ROBOTER erfand – und eine Maschine beschreibt, die die Wahrheit als ABGASS produziert. – KARBURATOR.

KRAMERIUS
Rund 100 Jahre zuvor lebt in Prag ein – so Masaryk – „makelloser Sohn des Vaterlandes, der den eingeschlummerten Tschechen aus seinem Schlaf gerüttelt hatte“. Und dieser Václav (!) Kramérius gründet der ersten Verlag, in dem TSCHECHISCHE BÜCHER erscheinen konnten – was über 300 Jahre lang verboten war. Weil die siegreichen katholischen Habsburger nach der Schlacht auf dem Weißen Berg von 1621 – erstens – die gesamte die böhmische Elite eliminierten: 27 protestantische Köpfe rollten auf dem Altstädter Ring. Und zweitens – sie verfügten, dass Tschechisch, diese vulgäre Sprache der komischen kleinen Rebellen, verschwinde soll. Von da an wurde also in Böhmen ausschließlich Deutsch geredet. Am Hof, in den Schulen, Salons und Behörden … Man nahm den Tschechen ihre Muttersprachen – zu Verstummen brachte man sie nicht. Obwohl Tschechisch nur die Bauern – und unbeugsamen Geister redeten … wie z.B.

 COMENIUS
Jan Amos Comenius – den Gründer der wissenschaftlichen Pädagogik. Er schrieb die erste illustrierte Enzyklopädie für Kinder „Orbis pictus“ – auf Latein UND Tschechisch; er forderte eine umfassende Allgemeinbildung für alle, sowie bildungspolitische Chancengleichheit für Mädchen, sozial Schwache und geistig Zurückgebliebene – und landete im Exil, wo er gestorben ist.  Seine Werke kamen auf den Index und blieben dort, bis sie eben von Kramerius verlegt wurden.

EE
Dieser KRAMERIUS nannte seinen Verlag: „Tschechische Expedition“ Ceska experdice. Und als Havel mit mir 1975 einen – illegalen! – SAMIZDAT-Verlag gründete, um den verbotenen Schriftstelern eine Plattform zu geben, nannten wir ihn EDICE EXPEDICE/Edition Expedition. ZEIGEN/AUFLAGE.(Der Ordnung halber: Nicht die ersten, das war Vaculik, aber immerhin die zweiten „Verleger“). Also wurden unsere Bücher, behaupte ich jetzt mal, mehr als reine „Lektüre“. Aktiver Protest. Die Chance, fassbaren Widerstand zu leisten. Natürlich gab es massive Repressalien. Einst nach den Gründen gefragt, warum wir uns die EE angetan haben, sagte Havel: „Bücher zu verbieten ist dasselbe wie Bücher verbrennen.“(HUS) Auf einem Scheiterhaufen landete 1415 Johannes Hus. Dieser Theologe und Herzblut-Prediger, prangerte rund 100 Jahre vor Martin Luther die Unmoral und die Verlogenheit, die Methoden der Vatikan-Kirche an – und übersetzte die Bibel in seine Muttersprache, damit das VOLK, und nicht nur der Klerus, sie LESEN –  und sich eine eigene Weltanschauung bilden konnte. Hus gehörte übrigens zu der theologischen Schule der REALISTEN an – die, im Unterschied zu den NOMINALISTEN – daran glaubten, dass Allgemeines keineswegs ein leerer Name – nur ein nomen – ist, sondern wirklich existiert. Hus faszinierte die Vorstellung, dass auch die unsichtbare WAHRHEIT fassbar wäre. Wie ein Foliant, ein Kelch oder ein Stück Brot. Er glaubte an eine Wahrheit, die allein kraft ihrer Existenz nicht mehr zu zerreden ist – weder auf Latein, Deutsch, Russisch. Und er war bemüht, das einzelne GEWISSEN eines jeden einzelnen Christen im Kampf mit bzw. gegen Könige und Päpste zu stärken …

Um noch einmal Kafka zu bemühen: „Von einem gewissen Punkt an gibt es keine Rückkehr mehr. Dieser Punkt ist zu erreichen.“ Und so ging Hus – wohl wissend, was ihn erwartet – nach Konstanz, stellte sich dem Konzil – und wurde als Ketzer exkommuniziert.

Seine letzten Worte auf dem Scheiterhaufen waren: „Die Wahrheit siegt!“ Er berief sich also nicht auf das kirchliche VERITAS DEI VINCIT. Nein, er entsorgt einfach den Gott – und es blieb das schlichte: veritas vincit. Wohlgemerkt: SIEGT. Präsens. Nicht: schon gesiegt – oder wird siegen. Sie siegt andauernd, immer wieder, unter allen Umständen, selbst, wenn es so lange dauert, oder kaum noch glaubt, dass sie es schafft…

Diese ZWEI Worte brachten es zum böhmischen Wappenspruch. Sie stehen auf der Präsidentenfahne. die über dem Hradschin flattert … Wo Havel 13 Jahre lang residierte. Havel Credo ist „länger“: „Wo immer einer die Wahrheit sagt, dort ist schon ein Stück Freiheit.

 Allerdings einer Freiheit – die verpflichtet.
Denn: Keine Gesellschaft, so technologisch fortgeschritten sie sein mag, kann ohne ein moralisches Fundament funktionieren. Oder ohne eine Überzeugung, die unabhängig ist von Gelegenheiten, Umständen oder erwarteten Vorteilen.
Der Sinn der Moral besteht eben nicht darin, die Gesellschaft am Laufen zu halten, die Moral ist schlicht notwendig, weil erst sie den Menschen zu einem Menschen macht.
Es dauerte 12 Jahre, bis die CHARTA siegte – viele von uns wurden Herzkampagnen ausgesetzt. Viele verloren ihre Arbeit, Freiheit, Freunde, Heimat – das Leben (der 70-jährige Philosoph Jan Patocka)
Und ich wage es, zu behaupten, dass sich die Charta durchsetzen konnte, weil sie gewaltlos geblieben ist und alles auf eine Karte setzte: auf die Macht des Wortes. Weil sie die Menschen die ganze Zeit daran erinnerte, dass es sich lohnt, anständig zu bleiben. Und dass man nur dann anständig handeln kann, wenn man sich nicht aufgibt, wenn man die Angst besiegt, Wen man akzeptiert, dass man nicht immer nur darauf warten kann, dass ANDERE – geschweige denn DIE DA OBEN –  die Verhältnisse verbessern.

Übrigens: Unter den Losungen der SAMTENEN REVOLUTION von November 1989 findet sich eine Losung von rarer Prägnanz: AHOJ GODOTE!  Sei begrüßt, Godot! Das Warten ist zu Ende, das Unverhoffte ist eingetreten… Der Dramatiker, der Dissidenten, der 50 Monate im Knast verbrachte, wird Präsident: ein höflicher, aber auch ein unbeugsamer und unbequemer. Verkündet er doch unermüdlich: Jeder trägt seinen Teil der Verantwortung für die allgemeinen Verhältnisse“. Und das macht die Charta heute noch so aktuell …

IHNWEIS: Meryl Streep bei der Globe-Verleihung… Im Herzen eine Chartistin.

Als ich VH im September 1990 erstmals nach seiner Wahl wiedersah, siezte ich ihn, wie es sich bei einem Staatsoberhaupt gehört. Er aber umarmte mich, legte seinen Kopf auf meine Schulter und sagte: „Spinnst Du? Die Hütte hat sich geändert, der Hund ist der alte geblieben.“ Er hat sich seinen Sinn für Humor und für das Absurde, seine putzige Selbstironie bewahrt. Aber er hat auch weiter „gepredigt“, den Tschechen die Leviten gelesen, und sich seine Texte selbstverständlich selbst geschrieben. Die wichtigsten sind inzwischen weltbekannt. Der Essay über „Die Macht der Ohnmächtigen“, über „Das Gedächtnis des Seins“, über „Das Leben in Wahrheit“ – dieser Text hat einen fast schon messianischen Beiklang und setzt seinen Urheber dem Vorwurf aus, ein naiver Träumer … oder noch Schlimmeres zu sein. Verführer vielleicht? Ich denke jedoch, dass dieser Essay einfach nur – einmal mehr – offenbart, wie fest Havel in der böhmischen Tradition der politisierenden Schriftsteller verankert ist, und dass er zu jenen Menschen gehört, die überzeugt sind, dass der Geist die Materie bestimmt …

Zum letzten Mal traf ich ihn auf der Burg, am 17.12.2002 – als Mitglied einer Delegation von Hamburgern, die ihrer Partnerstadt Prag einen Scheck über eine Million Euro überbrachten, die die Hanseaten für die Opfer der verheerenden Elbe-Flut gesammelt haben. Damals schenkte er mir ein Maiglöckchen und schrieb auf ein Zettel: „Ich bitte dich, bete für mich.“ Er spürte, das eine Katharsis überfällig war … dass die Euphorie, die ihn ins Amt hievte, bald brechen würde – aber Havel – der unter anderen AUCH als ein Wegbereiter der deutsch-tschechischen Aussöhnung in die Geschichte einging – „PREDIGTE“ weiter. Versuchte, mit seinen Reden seine UNPOLITISCHE POLITIK – wie er seine Haltung nannte – zu erklären – wobei die Unpolitische Politik was im Grunde nichts anderes ist als die Überzeugung, dass WORTE weit mehr bewirken können als Waffen. Er schrieb und schrieb, um die Menschen ein wenig ANSTÄDNIGER zu machen – und dadurch die Welt zu verbessern.

Dieses Streben scheint übrigens schon ganz früh in seinem Leben angelegt zu sein. Sein Vater hat mir einst erzählt, dass Vasek bereits im Alter von zehn Jahren von einer Fabrik träumte, die er, sobald er groß sein würde, bauen wollte, und die anstatt von Gütern das GUTE AN SICH herstellen würde, womöglich in Form von GUTEN WORTEN.

Ich danke Ihnen für Ihre Geduld. Es war nicht einfach … mit meinem deutschen Verstand über mein böhmisches Herz zu reden.

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